Jeder für sich – Spieler auf der Messe "Gamescom" in Köln © AP Photo/Martin Meissner

Zwei junge Männer drängen um den Computerbildschirm. Der steht hinter einem Fadenvorhang, angeleuchtet wie ein Schrein. Auf dem Schirm blüht ein Baum gelb in die leuchtend blaue Nacht. Passiert der Mauszeiger die Baumkrone, so zupft er daran und Sporen stieben davon.
"Was muss man da machen?"
"Keine Ahnung."

Der Baum wiegt hin und her. Gelegentlich zieht eine Sternschnuppe vorbei. Oben rechts hängt wolkenverhangen der Mond. Beide starren auf den Bildschirm, bis einer von ihnen demonstrativ die Hände hebt. Der Sinn bleibt ihnen verborgen.

Sie sind Besucher des Notgames-Festes 2013 – das englisch ausgesprochen wird, nicht wie die deutsche Not. Ganz vorn in einem der Ausstellungsräume wartet Kyoto auf Menschen, die sich den Sinn des digitalen Bäumchens erschließen wollen.

Das Notgames Fest in Köln mag zeitgleich mit der Spielemesse Gamescom stattfinden. Doch mit der gigantischen Veranstaltung hat es kaum etwas gemein. Nur zwei kleine Ausstellungsräume hat das Cologne Game Lab eingerichtet. Die Banner vor dem Gebäude sind unscheinbar. Drinnen erhellt gedämpftes Licht hübsch drapierte Vielecke aus Pappe. Leises Vogelzwitschern liegt in der Luft. 

Es geht nicht um Punkte

Der Raum ist stets nur halb voll. Das soll er auch bleiben, damit Spieler nicht in Schlangen warten müssen, sondern sich unbehindert in die interaktiven Ausstellungsstücke vertiefen können. Die stehen vereinzelt im Raum, auf Sitzsäcken kann man ein paar Tablet-Spiele erforschen, einen grinsenden Kometen an Planeten vorbeischnippen oder im kryptischen PS3-Titel Noby Noby Boy einen dehnbaren Wurm über eine Leinwand zucken lassen.

Klassische Spielelemente sucht man dabei vergebens. Auch wer herausfindet, wie die Sternschnuppen, der Baum und der Mond miteinander interagieren, hat kein Rätsel gelöst. Kyoto hat keinen Punktestand und es lässt niemanden scheitern. Das Programm steht an der Schwelle zwischen Computerspiel, Installation und Spielzeug.

Die Beschäftigung mit dem digitalen Bäumchen dürften viele Gamer als Zumutung erleben. Wer aber ohne vorgefertigte Erwartungen an den Schrein tritt, der kann einen Tanz der Lichtstimmungen dirigieren, er kann an Nordlichtern wie an Saiten zupfen. Kyoto will gar nicht mehr sein als schön; und das ist es.

Doch nicht alles, was hier gespielt wird, ist auch ein Grenzfall dessen, was man gemeinhin unter einem Spiel versteht. In Shelter etwa huscht ein stoppelbeiniger Dachs durch die Natur, hütet seinen Nachwuchs und versorgt ihn mit Nahrung. Die Kinder bleiben dem Mutterdachs dabei dicht auf den Fersen. Ist er gerade noch rechtzeitig in die Büsche getaucht, um dem Raubvogel zu entkommen, dann muss der Spieler mit ansehen, wie eines der Dachskinder in dessen Krallen davongetragen wird.