Millionen von Menschen weltweit verbringen viele Stunden in virtuellen Welten. Mal schlagen sie in einer Gilde virtuelle Schlachten, mal gehen sie im Alleingang verschiedenen Quests nach. Immer mit dem Ziel, ihre Spielfigur besser, stärker, unverwundbarer zu machen. Zwei Forscher, die sich zusammen Internet Response League (IRL) nennen, möchten nun Spieler dafür belohnen, reale Bilder aus Netzwerken wie Facebook oder Twitter auszuwerten. Dafür winkt dann vielleicht eine exklusive Rüstung für die Spielfigur.

Allein acht Millionen Menschen spielen das Online-Rollenspiel World of Warcraft. Zusammen mit den Millionen, die eines der vielen anderen Online-Games spielen, ergibt das ein gewaltiges Potenzial, das es zu nutzen gilt – das dachte sich die Spieledesignerin Jane McConigal bereits im Jahr 2010: "Wenn wir die Online-Spieler einbinden möchten, Probleme in der realen Welt zu lösen, dann müssen wir lernen, wie wir sie innerhalb der Spielewelt selbst abgreifen können." Die IRL hat diese Idee aufgegriffen und versucht sich nun an der Umsetzung.

Geht es nach Patrick Meier und Peter Mosur von der IRL, sollen Spieler aus aller Welt künftig bei der Bewältigung von realen Katastrophen mithelfen. "Sie sollen während des Spiels zum Beispiel Fotos aus Erdbebengebieten identifizieren und einem Gebiet zuordnen", sagt Meier. Dafür sollen sie dann virtuell belohnt werden, indem sie Prämien oder Boni für ihre Spielfigur bekommen. "Je mehr Fotos bearbeitet werden, desto höher die Prämie." 

Seit Jahren erforscht Meier, wie man während Katastrophen die riesigen Datenmengen besser nutzen könnte, die über Kanäle wie Twitter oder Facebook von zahlreichen Menschen geteilt werden. "Während des Hurrikans Sandy im vergangenen Jahr wurden alleine über Instagram eine halbe Million Bilder veröffentlicht", sagt Meier. Damit müsste man etwas Sinnvolles anstellen können, glaubt er.

Zusammen mit Mosur will er ein Plug-in entwickeln, ein kleines Zusatzprogramm für den Browser, das beispielsweise in World of Warcraft eingesetzt werden könnte. Während sich ein Spieler in der virtuellen Welt aufhält, soll an der Seite des Bildschirmes ein Fenster mit der Info "Erdbeben in Kalifornien" erscheinen. Klickt der Spieler darauf, bekommt er innerhalb der World-of-Warcraft-Welt echte Bilder aus Erdbebengebieten eingeblendet und kann diese analysieren, wenn er will. Die Bilder selbst sollen aus den verschiedenen Netzwerken wie Twitter oder Facebook stammen.

Trend zur "Gamification" nutzen

"Jedes Bild wird durch das Plug-in mehreren Spielern gleichzeitig vorgelegt. Sie müssen feststellen, ob das Foto schwere Schäden zeigt und ob sie den Ort kennen", sagt Meier. Wenn mindestens drei Spieler ein Foto mit dem Hinweis "schwere Schäden" markiert haben, soll dies von der IRL an Hilfskräfte wie das Rote Kreuz weitergeleitet werden. Im besten Fall könnten lokale Helfer dann auf Fotos mit genauen Ortsangaben zurückgreifen und so vielleicht besser arbeiten.

Dass Gamer überhaupt an solch einem Programm teilnehmen wollen würden, ist für die Internet Response League keine Frage. Schließlich hätten World-of-Warcraft-Spieler für die Betroffenen des Hurrikans Sandy insgesamt 2,3 Millionen US-Dollar gespendet. Der Wille zum Helfen sei also vorhanden, sagt Meier. "Außerdem können wir den Trend zur Gamification nutzen, also den Ansatz, auch in der realen Welt mit spielerischen Elementen belohnt zu werden", ergänzt Peter Mosur.