Spiel "Gone Home"Ein Rätsel aus der Shooter-Perspektive

Das Videospiel "Gone Home" erzählt eine anrührende Geschichte über ein Coming-out und das Erwachsenwerden. Spieler brauchen keine Reaktionsfähigkeit, sondern Empathie. von Dennis Kogel

Gone Home

Screenshot aus "Gone Home", das die Macher ein "Story Exploration Video Game" nennen.   |  © The Fullbright Company

Wie könnte ein Shooter aussehen, in dem nicht geschossen wird? Gone Home gibt die Antwort.

Das Erstlingswerk der Fullbright Company, einem Indie-Studio aus Portland, Oregon, dreht sich um die 20-jährige Kaitlin Greenbriar, die Mitte der neunziger Jahre nach einem Auslandsjahr in Europa wieder zurückkehrt ins Haus ihrer Eltern. Das Haus ist ihr – und den Spielern – fremd, denn die Familie ist in der Zwischenzeit umgezogen.

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Niemand ist zu Hause, um Kaitlin zu begrüßen. An der Tür klebt ein Zettel ihrer kleinen Schwester Sam: "Katie, es tut mir leid, aber ich kann nicht da sein, wenn du wiederkommst, es ist unmöglich. Bitte, bitte, bitte versuch nicht herauszufinden, wo ich bin." Eine dankbare Herausforderung. Um herauszufinden, wo Sam steckt und was mit Kaitlins Familie passiert ist, durchsuchen Spieler in Gone Home wie in einem Shooter aus der Egoperspektive ein sehr detailliert modelliertes Haus.

Die meisten Orte in Videospielen sind reine Kulisse. Sie geben der Welt Textur, erzeugen Atmosphäre, aber die Illusion fällt in dem Moment in sich zusammen, in dem Spieler versuchen, in einer Raumstation eine Tür zu öffnen, die nur aufgemalt ist oder wenn sie merken, dass auf den Zeitungen, die durch die leeren Straßen der Zombieapokalypse wehen, nur ein paar schwarze Pixel aufgezeichnet sind. Gone Home geht einen anderen Weg.

Es hält die Illusion so gut es geht aufrecht. Fast jedes Objekt in der Spielwelt lässt sich aufnehmen und untersuchen. Die kitschige Plastikente, unter der ein Haustürschlüssel versteckt ist, lässt sich drehen, um Preisschild und Barcode zu betrachten. Auf jeder Postkarte aus Europa findet sich auch wirklich eine Nachricht von Kaitlin an ihre Familie. In den vielen Schubladen der Greenbriar-Residenz sind Briefe, Rechnungen, Einkaufslisten, Notizen und Zeitungen versteckt. Sie alle erzählen nach und nach die Geschichte des Hauses und seiner Bewohner.

Im Mittelpunkt steht dabei Kaitlins Schwester Sam. Sie erzählt in gesprochenen Tagebucheinträgen von ihrem ersten Jahr an der Highschool. Was zunächst wie eine typische Highschool-Geschichte über eine Außenseiterin an der neuen Schule beginnt, entpuppt sich schnell als eine sehr vorsichtig erzählte Geschichte über ein Coming-out, die Liebe und das Erwachsenwerden.

Ob queer oder nicht: Es fällt schwer, sich nicht selbst in Sam zu erkennen, so gut und so genau haben die Entwickler die Sprache, die überschwängliche Melancholie und Selbstgefälligkeit eines Teenagers eingefangen. Verstärkt wird das durch im Haus verstreute Mixtapes mit Musik von Riot-Grrrl-Bands wie Heavens to Betsy oder Bratmobile, zusammengetackerte Fanzines und Musikmagazine mit dem Konterfei von Kurt Cobain, die man im Haus entdeckt, während von draußen der Regen gegen die Fensterscheiben prasselt.

Leserkommentare
  1. Ach nein - es gibt tatsächlich Spiele, die ohne Schießen und Töten auskommen? Da muss ja etwas völlig an mir vorbeigegangen sein. Und dann ist das Spiel auch noch aus der "Shooterperspektive". Eine Revolution bahnt sich an.

    Ich habe das Spiel übrigens bereits angespielt, und es ist tatsächlich ziemlich gut. Wäre da nicht dieser ständige Wunsch in mir, die Knarre zu ziehen und alles kurz und klein zu schießen...

    18 Leserempfehlungen
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    • Gerry10
    • 02. September 2013 20:31 Uhr

    ...is strong with this one

    Hab letztens nen Buch gelesen was auch aus der Shooterperspective geschrieben war gantz so wie "der Landser" also man erlab alles aus sicht einer Person. Das buch war dann auch furchtbar schlimm da die Person nicht schiessen konnte, warscheinlich war das buch kaputt oder nur schlecht.

    ---------------------- SATIRE-----------------------

    Liebe ZEIT, das heist immer noch Egoperspektive oder Ich-Perspektive mit Shootern hat das nichts zu tun. So wie der Ertzählstil bei Büchern auch nicht mit der Handlung des Buches zu tun hat.

    • Gerry10
    • 02. September 2013 20:31 Uhr

    ...is strong with this one

    12 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Shooterperspektiven."
  2. Ich finde es ja nett das die Zeit versucht über Computerspiele zu berichten, aber es ist beleidigend diese Branche nur auf Ballerspiele zu beschränken.

    Der Autor hätte sich mal darüber informieren sollen, was sich für Arten von Spiele auf dem Markt befinden. Dann wäre ihm aufgefallen, dass tausende von kreativen Spielen, die dann zufällig auch keine Schießerei beinhalten, existieren.

    6 Leserempfehlungen
    • lxththf
    • 02. September 2013 22:02 Uhr

    "Eines, in dem Schießen, Kämpfen und Töten nicht als dogmatische Fixpunkte eines Videospiels gesehen werden"
    und nennt sich Genrevielfalt. Anstatt Shooterperspektive hätte man auch einfach first-person Perspektive schreiben können. Anstatt es so darzustellen, als ob nur Geballer den Markt bestimmt, hätte man mit dem Artikel die Vielfalt des Marktes differenziert betrachten können und hätte problemlos festgestellt, dass die Computerspielwelt schier unendlich groß erscheint. Seien es Simulatoren, Sportspiele, Indiegames, Adventures, Aufbauspiele und einige andere Genres. Wenn der Löwenanteil der Verkaufszahlen nun jedoch Actionorientiert sind, so liegt das schlicht an den Bedürfnissen der Gamercommunity, ähnlich wie nunmal auch Actionfilme eines der meistgesehenen Genres ist.
    Es ist sehr interessant, dass die Gamessparte von ZO es sich auf die Fahne schreibt, "anspruchsvolle" Spiele vorzustellen, aber vielleicht sollte sich mal ein Artikel mit der Frage beschäftigen, warum eigentlich Actionspiele so beliebt sind.
    Das beschriebene Game klingt im Übrigen wie ein Adventure aus der Egoperspektive mit voller Bewegungskontrolle. Also ein Egdventure?

    4 Leserempfehlungen
    • d-weber
    • 02. September 2013 22:16 Uhr

    Prinzipiell ist es ja schön, dass die ZO auch über anspruchsvolle Spiele schreiben möchte. Aber mit den letzten zwei Absätzen haben Sie, Herr Kogel, einfach nur absolute Unwissenheit bewiesen. Nicht nur, dass Empathie und Neugierde sich gegenseitig nicht ausschließen - und vice versa - sondern noch dazu zeigen Sie mir ihrer Rede von "festgefahrenen Genres", dass Sie keine Ahnung von der Materie haben.

    Googlen Sie doch mal ein paar wissenschaftliche Artikel bei Springer Link oder ähnlichen wissenschaftlichen Plattformen, dann stoßen Sie schnell darauf, dass der Begriff Genre von der überwiegenden Anzahl der Autoren eh in Auflösung gesehen wird.

    "Eines, in dem Schießen, Kämpfen und Töten nicht als dogmatische Fixpunkte eines Videospiels gesehen werden." - die drei meistverkaufen Videospiele aller Zeiten: Wii Fit, Super Mario Bros und Mariokart. Und sonst mache ich Sie gerne auf Spiele wie die Sims aufmerksam. Vielleicht sollten Sie ihre eingeengte Perspektive ein bisschen erweitern, bevor Sie wieder solche Artikel schreiben.

    Freundliche Grüße,
    Ein entnervter Spieler.

    7 Leserempfehlungen
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    • Rend
    • 03. September 2013 1:07 Uhr

    Das wirkte auf mich ehrlich gesagt wie "So viele Leute spielen in den letzten Jahren Call of Duty oder Battlefield, also muss folglich die ganze Branche aus solchen Spielen bestehen".

    Ob man bei der Herangehenweise auch zu der Meinung kommt "Casting und Reality-TV ist beliebt, also besteht das komplette Fernsehen daraus".
    Oder dass nur Superhelden-Filme existieren würden.

    Ach übrigens
    http://www.zeit.de/digita...
    Na wie frech, selbst die Leute vom MIT bedienen sich "Shooter"-Perspektive... ganz ohne dass geschossen wird, sondern einfach um physikalische Gesetze zu demonstrieren. Und die Zeit berichtet auch noch drüber.

    • calmon
    • 02. September 2013 23:11 Uhr

    20€ für ein Spiel was man in 2-3 Stunden durch hat ist leider keine Spieleempfehlung.

    Auf Steam gibt es das Spiel regelmäßig im Angebot, da würde ich zuschlagen. Aber ein paar Leute werden enttäuscht sein. Es gibt besseres in diesem Genre.

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    Ich würde es nicht mal wirklich als Spiel bezeichnen. Eher als interaktiven Film. Man kann sich den Inhalt auch genüsslich in einer hochauflösenden, nicht-kommentierten Youtube-Fassung anschauen. Und dass sogar, ohne auch nur das Geringste vom "Spielerlebnis" zu verpassen.

    • Rend
    • 03. September 2013 0:48 Uhr

    Also ich hatte mir letztes Jahr zb Analogue: A Hate Story für 10 Euro bei Steam gekauft, und das ganze "bietet" in dem Sinne sogar noch weniger, im Grunde ist es ein Durchklicken und Durchforsten von Logbuch Einträgen auf dem verlassenen Raumschiff, das man in Analogue findet, um das Schicksal der Crew zu erfahren. Praktisch ein digitaler Roman in Schnippseln. Hat nen Nachmittag gedauert es "durch zu spielen".

    Trotzdem war ich mehr als einmal den Tränen ziemlich nahe.
    Kommt immer drauf an, wie man an ein Spiel heran geht, und ob man sich auf die Geschichte einlässt. Von dem was ich hier im Artikel gelesen habe, hört sich das ganze eigentlich nicht schlecht an.

  3. Shooter sind nicht die einzigen Spiele, die aus der sog. Ego-Ansicht gespielt werden. 1st-Person-Adventures gibt es zu genüge, dazu zählen auch Dear Esther, Pathologic, Scratches oder Myst. Auch Spiele wie Portal oder Mag Runner sind keine Shooter und werden trotzdem aus der Ego-Perspektive gespielt.

    Man sagt beim Ice Hockey ja auch nicht, dass es ein Ausnahmssport ist, nur weil es da keinen Ball gibt.

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    • tnie
    • 03. September 2013 8:49 Uhr

    Die heutige Jugend immer mit ihren absurden Extremsportarten. Ich hab gehört, dass man das nichtmal auf einem Fußballplatz spielt..?

    Insgesamt freue ich mich ja über solche Artikel, dank ZO habe ich von einigen Spielen immerhin eine Grundahnung gehabt, wenn sich dann Freunde drüber unterhalten haben. Das hier klingt ja auch interessant. Aber dass der Grundton des Artikels ein wenig daneben lag hat der Shitstorm ja eindrucksvoll demonstriert.

  4. 8. Spiel?

    Ich würde es nicht mal wirklich als Spiel bezeichnen. Eher als interaktiven Film. Man kann sich den Inhalt auch genüsslich in einer hochauflösenden, nicht-kommentierten Youtube-Fassung anschauen. Und dass sogar, ohne auch nur das Geringste vom "Spielerlebnis" zu verpassen.

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    • BinJip
    • 06. September 2013 15:35 Uhr

    Ein Video auf Youtube kann die Erfahrung dieses Spiels unmöglich in gleicher Weise transportieren, als steuere man es selbst. Die Erfahrung lebt von der Neugierde und dem Entdeckerdrang des Spielers, man kann viele Hinweise und damit ganze Teile der Familiengeschichte schlichtweg übersehen, wenn man nicht genau genug forscht.

    Man bestimmt selbst, wie genau man die einzelnen Familienmitglieder oder den Vorbesitzer des Hauses und seine Verbindung zur Familie kennen lernen möchte, macht sich auf dem Weg seine eigenen Gedanken und lässt sich von der Atmosphäre des leeren Hauses einfangen.

    Das kann ein Video nicht ersetzen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Rätsel | Kurt Cobain | Videospiel
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