Einschneidende Veränderungen würden sie wohl alle gerne auslösen, die Teilnehmer der Branchenkonfenrenz TechCrunch Disrupt, die derzeit zum ersten Mal in Berlin gastiert. Gründer von Start-ups machen hier auf sich aufmerksam und werben für ihre Ideen. Kapitalgeber halten Ausschau nach Talenten, von denen eine echte "Disrupture" ausgehen könnte, also eine Erschütterung des Marktes.

Rina Onur wurde als Rednerin nach Berlin eingeladen, weil ihr so etwas bereits gelungen ist. Die 27 Jahre alte Türkin gründete nach dem Studium in Harvard und nach einigen Jahren als Investmentbankerin Ende 2010 in Istanbul die Firma Peak Games. Das Unternehmen ist heute der größte Anbieter für Smartphone- und Online-Games in der Türkei und im arabischen Raum und hat pro Tag zwölf Millionen aktive Nutzer aus der Region. Der Markt hat im Vergleich zu den USA und Europa einige Besonderheiten, wie Rina Onur im Interview erklärt.  

ZEIT ONLINE: Frau Onur, mit welchem Spiel sind Sie gestartet?

Onur: Mit Okey. Das ist traditionell tief verankert und wird mit Spielsteinen gespielt, die unterschiedliche Nummern tragen. Man spielt es zu viert und hat die Aufgabe, Serien aus aufeinander folgenden oder gleichen Zahlen zu legen. Selbst in unserer allerersten Version brauchten wir keine Anleitung, weil einfach jeder in der Türkei weiß, wie Okey gespielt wird. Man wächst damit auf, spielt es in Kaffeehäusern oder zu Hause. Und als wir das zu Facebook brachten und einige neue Funktionen anboten – man kann zum Beispiel auch nur zu zweit spielen – ging es einfach durch die Decke. 

ZEIT ONLINE: Das klingt wie das Gegenstück zu Onlinepoker.

Onur: Genau so ist es. Und das ist unser Segen. Poker wird den Leuten einfach nie langweilig, wenn sie es in guter Gesellschaft spielen können. Wir haben in den vergangenen Jahren auch andere Spiele aus anderen Genres entwickelt und Unmengen von Daten darüber, wie gut Farmspiele oder Stadtentwicklungsgames laufen, aber nichts davon schlägt tradierte Spiele wie Okey.

ZEIT ONLINE: Auf der TechCrunch-Bühne sprachen Sie darüber, dass türkische und arabische Spieler mit Schuldgefühlen zocken.

Onur: Im Islam ist jede Form von Glücksspiel verboten, auch auf dem Handy. Aber je mehr etwas unterdrückt ist, desto eher bricht es sich Bahn. Beim Spielehersteller Zynga haben sie einmal nachgesehen, wo eigentlich die Spieler sitzen, die über Zynga Texas Hold’em Poker spielen, und sie stellten fest: Ein ziemlicher dicker Brocken davon kommt aus Saudi-Arabien, dem konservativsten islamischen Land im Mittleren Osten.  

ZEIT ONLINE: Wie hoch ist der Frauenanteil bei diesen Spielen?

Onur: Vor allem bei den Casino-Spielen wie Poker oder Black Jack ist der Männeranteil natürlich höher. Frauen vermeiden die Konkurrenz und neigen eher zu Titeln, wo man Ressourcen verwalten muss. Aber unsere Spiele sind ja auch soziale Plattformen. Männer kaufen und schenken Frauen virtuelle Güter, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen und sie kennenzulernen, und am am Ende heiraten sie. 

ZEIT ONLINE: Tatsächlich, ein Onlinespiel als Partnerbörse?

Onur: Ja, es ist zum Beispiel wichtig, dass man unsere Spiele auf Facebook miteinander spielen kann, ohne den anderen als Freund hinzufügen müssen. Die Spieler können sich im Spiel anfreunden, aber können trotzdem noch nicht auf Facebook verknüpft werden. Die Leute verbringen viel Zeit miteinander im Spiel, und erst dann gehen Sie die nächsten Schritte, auf jeweils ihre Weise. Unsere Kunden mailen uns, schicken uns Fotos und erzählen ihre Geschichten. Es gibt auch wirklich schräge Begebenheiten. In einem unserer Farmspiele meldete ein Nutzer einen anderen, weil der seine Schafe gestohlen haben soll. Die Polizei verstand nicht, dass es um virtuelle Schafe ging, und so gab es in Gaza eine Festnahme wegen Viehdiebstahls. Es stand sogar in der Zeitung.