Ein Grenzübergang, irgendwo zwischen den fiktiven Ostblockstaaten Kolechia und Arstotzka. Graue Pixelgestalten warten in einer langen Schlange darauf, nach Arstotzka einwandern zu dürfen. Der Moment der Wahrheit kommt im Grenzhäuschen: Dort sitzt der Spieler von Papers, Please und entscheidet, wer ins Land darf und wer nicht. Stimmen die Angaben im Pass mit denen im Arbeitsvisum überein? Reist die Person unter falschem Namen, versteckt sie Waffen? Wer als Grenzbeamter irrt, muss mit Lohnabzügen rechnen – so lange, bis die eigene Familie vor Hunger stirbt. Die Verlockung, hart durchzugreifen, ist deshalb sehr groß: ein Computerspiel als Milgram-Experiment

Papers, Please hat beim Independent Games Festival (IGF) in San Francisco den Hauptpreis gewonnen. Im Rahmen der Game Developers Conference werden jährlich die besten Spiele unabhängiger Entwickler prämiert.

"Unabhängig" bedeutet in diesem Fall unabhängig von den Verwertungsinteressen großer Publisher. Die Spieleentwickler setzen ihre eigenen Ideen um – was aber nicht heißt, dass sie deshalb nicht erfolgreich sein können. Der Hauptpreis-Gewinner Lucas Pope etwa hat von Papers, Please bis heute rund 500.000 Exemplare verkauft. In den vergangenen Jahren wurden beim IGF bereits bekannte Spiele wie Minecraft, Amnesia und Braid prämiert. Anderen Entwicklern dient die Veranstaltung als Sprungbrett.

Erfolge durch Early-Access und Bundles

Auch abseits des IGF erhalten Indie-Games immer mehr Aufmerksamkeit, seit vor rund zehn Jahren Plattformen wie Steam oder Microsofts XBLA die digitale Distribution voranbrachten. Einen weiteren Schub erhielten sie ab 2010 durch sogenannte Indie Bundles, kleine Spielesammlungen, deren Kaufpreis man selbst festlegen kann.

2012 löste der Kickstarter-Erfolg des Spiels Double Fine Adventures (heute: Broken Age) einen wahren Boom von schwarmfinanzierten Indie-Spielen aus. Mittlerweile greifen immer mehr unabhängige Studios auf das Early-Access-Modell zurück: Wer ein Spiel vorab kauft, erhält bereits die Alpha- oder Beta-Version als Download.

Menschliche Schicksale und Rollenklischees

Beim IGF werden Indie-Games in verschiedenen Kategorien ausgezeichnet. Papers, Please gewann nicht nur den Hauptpreis, sondern auch die Preise für Design und Erzählkunst. Mit spartanischen Mitteln gelingt es dem Spiel, einen bürokratischen Alptraum heraufzubeschwören, der von Mal zu Mal bedrückender wird. Ist die Passkontrolle anfangs noch simpel, wird man als Grenzbeamter schon bald mit einer Flut von Regelungen konfrontiert, die sich kaum alle berücksichtigen lassen.

Das eigentlich Bedrückende an Papers, Please sind aber die menschlichen Schicksale und die daraus resultierenden moralischen Fragen: Soll man einen Verdächtigen nur deshalb nicht aussortieren, weil er dann von seiner Familie getrennt würde? Geht man einem möglichen Fall von Menschenhandel nach? Und wie ernst ist die Terrorgefahr, die laut Vorgesetztem aus dem Nachbarland droht? Im Hintergrund tickt gnadenlos die Uhr und der Zähler mit den abgeschlossenen Fällen. Da heißt es stets gute Miene machen: "Glory to Arstotzka!"

In seiner Strenge erinnert Papers, Please an den Vorjahresgewinner Cart Life, eine Tagelöhner-Simulation. Beide Spiele sind repetitiv und machen nicht im eigentlichen Sinne Spaß. Doch sie erzeugen einen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann.