Ein Game Boy Classic

Heute vor 25 Jahren kam in Japan ein unansehnlicher grauer Plastikblock auf den Markt. Ausgestattet mit schon damals veralteter Elektronik und einem kleinen, monochromen Bildschirm ohne Hintergrundbeleuchtung war der Game Boy von Nintendo im Frühjahr 1989 wahrlich kein Technikwunder.

Trotzdem wurde Gemu Boi – so hieß das Gerät in Japan – zur erfolgreichsten mobilen Spielkonsole der neunziger Jahre und ließ technisch überlegene Mitbewerber wie Atari Lynx oder Sega Game Gear weit hinter sich. Mit der mobilen Konsole und Spielen wie Tetris und später Pokémon dominierte Nintendo lange den mobilen Spielemarkt. 

Bis 2003 wurden 118 Millionen Game Boys verkauft. Erst nach 14 Jahren auf dem Markt, vielen farbigen Gehäusevarianten und nur wenigen technischen Innovationen rückte der Game Boy Advance nach.

Als Produkt ist der Game Boy seit mehr als zehn Jahren obsolet, technologisch noch länger. Doch die Konsole lebt weiter, und zwar nicht nur in Emulatoren. Hunderte Künstler weltweit produzieren bis heute Musik auf alter klassischer Heimcomputer- und Konsolenhardware wie eben dem Game Boy. (Das Ergebnis klingt zum Beispiel so.)

In dieser sogenannten Chiptune-Szene sind DMGs, dot-matrix Game Boys, immer noch gefragt. Anders als stationäre Rechner wie der Commodore 64 sind Game Boys tragbar, klein und batteriebetrieben. Sie eignen sich perfekt für Liveauftritte und sind technisch zwar nicht komplex, aber vielseitig. Seit dem Ende der neunziger Jahre gibt es für Game Boys eigene Musiksoftware, das populärste Programm heißt Little Sound DJ, kurz LSDJ.

Die Gameboy-Musikszene ist weltweit vernetzt

Johan Kotlinski aus Stockholm hat es programmiert. LSDJ funktioniert wie Musiksoftware für PCs, sagt Kotlinski, nur besser: "Alles ist sehr effizient. Ein Stück hat man viel schneller fertig als mit neumodischer PC-Software."

Mit altmodischer Software wiederum kennt sich Kotlinski gut aus, er komponiert seit rund 20 Jahren Musik auf dem Heimcomputer Amiga. Vor 14 Jahren wurde der Software-Entwickler schließlich auf den Game Boy aufmerksam. "Damals war der Game Boy Color noch das Höchste im mobilen Gaming." Kotlinski wollte damit "etwas Cooles machen" – ein Musikprogramm in Amiga-Tradition entwickeln. Der Game Boy war für ihn eine Herausforderung: "Ein Steuerkreuz, paar Knöpfe und ein kleiner Bildschirm: Mich hat interessiert, was man mit einem solchen Interface schaffen kann."

Sehr viel, weiß Kotlinski heute. Zehn Jahre, nachdem der letzte klassische Game Boy aus dem Handel verschwand, komponieren noch immer tausende Chiptune-Enthusiasten ihre Musik mit LSDJ. Labels wie Micromusic, Bleepstreet oder 8bitpeoples bringen regelmäßig neue Stücke heraus. In Berlin, aber auch in Bogota, Manila, Philadelphia und Osaka finden Chiptune-Konzerte statt: Ein Game Boy, ein paar Effektgeräte, vielleicht ein Keyboard, und schon kann es losgehen: Jammen nur mit A/B-Tasten und dem Steuerkreuz.

So machen es jedenfalls die Puristen. Längst aber gibt es für den Game Boy auch MIDI-Interfaces, sie verbinden die Konsole mit modernen Musikprogrammen.