TimTheTatMan © Screenshot/ZEIT ONLINE

TimTheTatMan redet wie ein Wasserfall. "Hiya, what's up?" Die langen blonden Haare hängen ihm über die Schultern, neben ihm auf dem Schreibtisch steht ein Gartenzwerg mit einer Maschinenpistole in der Hand. "Yes indeedy", sagt Tim, und nimmt einen kräftigen Schluck aus der Kaffeetasse. "Absofuckinglutely." Es ist Montagvormittag und der 24-jährige US-Amerikaner stimmt sich auf den Tag ein, indem er Fragen aus dem Chat beantwortet. Knapp 4.000 Menschen schauen ihm dabei zu, im Sekundentakt laufen die Kommentare bei ihm ein. Später wird Tim vor diesem Publikum Videospiele spielen; Call of Duty und Counter-Strike sind seine Spezialität.

Sieben Stunden streamt Tim durchschnittlich pro Tag, das Streaming ist sein Beruf. Möglich macht das die Plattform twitch.tv. "Twitch" bedeutet so viel wie "zucken" und ist eine Anspielung auf die Reaktionsfähigkeit von Videospielern. An die richtet sich der Dienst nämlich: Mit der entsprechenden Software nehmen sich die Gamer live beim Spielen auf, per Chat und Webcam kommunizieren sie in Echtzeit mit den Zuschauern. Wie auf YouTube hat jeder Streamer seinen eigenen Kanal, in dem Highlights und frühere Übertragungen archiviert sind.

Das Livestreaming von Games ist kein Randphänomen, die Zahlen beweisen es: 45 Millionen Menschen pro Monat schauen sich die Streams von twitch an. Einer Netzwerkanalyse zufolge ist twitch in den Abendstunden in den USA für mehr Internettraffic verantwortlich als Facebook oder die Filmportale von Hulu und Amazon. Nun ist offenbar auch YouTube auf die Plattform aufmerksam geworden: Medienberichten zufolge plant die Google-Tochter, twitch.tv für rund eine Milliarde US-Dollar zu übernehmen. Es wäre die größte Investition in der Geschichte YouTubes – und ein noch größerer Erfolg für twitch.

Vom Lifecasting zum Gamecasting

Dessen Geschichte beginnt im Jahr 2007 mit einer Idee, die von den Geschäftsführern Justin Kan und Emmett Shear heute noch als beknackt bezeichnet wird: Mit einem Laptop im Rucksack und einer Webcam an der Baseballkappe beginnt Kan, sein Leben auf der Website justin.tv rund um die Uhr zu streamen. Für das Konzept der webbasierten Realityshow findet Kan einen Namen, der heute stellvertretend für eine ganze Szene steht: Lifecasting.

Als sich justin.tv einige Monate später für alle Nutzer öffnet, ist sie eine von vielen Plattformen im Livestreaming-Markt. Ustream, Livestream, justin.tv – sie alle tauchen etwa zur gleichen Zeit auf, angetrieben von schnelleren Internetverbindungen und dem Erfolg YouTubes, das aber damals noch keine Aufnahmen in Echtzeit erlaubt. Justin.tv dagegen bietet Livestreams in verschiedenen Kategorien an, doch vor allem die Kanäle mit Games sind besonders erfolgreich. Nach und nach entsteht das Genre Let's Play, in dem Videospieler sich beim Spielen aufnehmen und das Geschehen kommentieren. Heute zählen Let's Player wie der Schwede PewDiePie oder der deutsche Gronkh zu den erfolgreichsten YouTubern überhaupt.

2011 entscheiden sich Kan und Shear, die Gaming-Kanäle auf einer eigenen Plattform mit dem Namen twitch.tv auszulagern und sie den Bedürfnissen der Videospieler anzupassen. Gleichzeitig möchten sie der professionellen eSports-Szene einen Kanal für ihre offiziellen Livestreams anbieten. Inzwischen ist twitch nicht nur offizieller Partner vieler Turniere, sondern als Software bereits in die neue Generation der PlayStation und Xbox integriert.

Spielen als gemeinsames Erlebnis

TimTheTatMan spielt jetzt. Er windet sich vor der Kamera, er johlt und motzt, wenn er von Gegnern getroffen wird, und findet nebenbei immer noch die Gelegenheit, auf die Fragen und Kommentare der "tatmanarmy" einzugehen, wie er seine Community nennt.

Mehr als 90.000 andere Twitch-Nutzer folgen Tim. Seine Livestreams sind frei zugänglich, aber für monatlich 4,99 US-Dollar können Nutzer seinen Kanal abonnieren, und bekommen dafür einige Sonderrechte im Chat und den Zugriff auf Tims Archiv. Weitere Einnahmequellen für Streamer wie ihn sind eingebettete Werbeclips im Stream oder die Zusammenarbeit mit Unternehmen, zum Beispiel mit PC-Shops, die im Chat ihre Links posten.

TimTheTatMan kann von diesen Einnahmen leben, doch der Großteil der twitch-User streamt vor allem zum Spaß. Hendrik Drude etwa betreibt unter dem Namen CoopY inzwischen eine gleichnamige Streaming-Community. Sechs Abende die Woche streamt er mit zwei befreundeten Spielern auf seinem Kanal, gezockt wird quer durch die Bank, bisweilen auch direkt gegen die Zuschauer. Die melden sich zunächst im Chat von twitch mit ihrem Nutzernamen, und werden dann in den jeweiligen Spielen vom Streamer auf die Freundesliste gesetzt. Denn twitch ist ein reiner Videodienst, keine Spieleplattform wie etwa Steam. Durchschnittlich 70 Menschen schauen CoopY dabei zu, die Anzahl steigt, seitdem twitch.tv auch eine deutsche Version anbietet.