Niantic Labs gibt sich am Montag ungewohnt offen. Die Firma, die sonst nur in den Stimmen virtueller Agenten und anderer Kunstfiguren mit ihren Spielern kommuniziert, spricht ausnahmsweise fast Klartext. "Heute begrüßen wir mit der Veröffentlichung von Ingress für iPhone und iPad eine völlig neue Gruppe von Agenten in unserer Community", schreibt die Firma bei Google Plus. Das Spielfeld, das bisher nur für Android-Nutzer sichtbar war, können nun also auch Millionen weitere Nutzer bespielen.

Das "globale Spielfeld", von dem die Firma spricht, ist der Globus selbst. Ingress ist ein Augmented-Reality-Spiel. Das heißt: Quer über den Globus sind heute Hunderttausende sogenannter Portale verteilt, die darauf warten, von Spielern gehackt oder erobert zu werden. Ingress ist ein Computerspiel für Leute, die nicht nur hinterm Computer sitzen wollen und die Lust an harmlosen Spielereien wie Angry Birds verloren haben. Wer bei Ingress Erfolg haben will, muss raus in die Welt. Alleine in Köln gibt es heute ca. 2.500 Portale.

In den letzten anderthalb Jahren hat die Google-Tochter das Spiel zwar nicht zum Massenerfolg gemacht, aber immerhin eine treue Anhängerschaft aufgebaut. Insgesamt wurde Ingress seit dem Start im November 2012 vier Millionen mal heruntergeladen, wie das Unternehmen auf Anfrage von ZEIT ONLINE mitteilt – auch wenn viele Spieler nicht lange bei dem anspruchsvollen Spiel bleiben.

Zu den quer über den Globus von Niantic organisierten Events reisten 2014 insgesamt 12.300 Spieler an, um gemeinsam ein Wochenende lang eine Stadt wie Amsterdam, Auckland oder Ishinomaki virtuell zu erobern. Die Spieler ringen darum, welche der beiden globalen Mannschaften die Oberhand hat: Die Enlightened oder die Resistance. Oder wie sich die Teams wegen ihrer Farben selbst nennen: Die "Frösche" und die "Schlümpfe".

Ein reiner Nerd-Sport zu sein, reicht den Ingress-Machern offenbar nicht mehr. Die neue Parole lautet: "It's time to recruit" – "Es ist Zeit, um neue Spieler zu rekrutieren." Seit Ingress von Apple freigeschaltet wurde, hat sich die Anmelderate bei dem Spiel spürbar erhöht. Auf der "Intel Map" tauchen zahlreiche neue Spieler auf, die ihre ersten Schritte in dem Spiel machen.

Einfacherer Einstieg für iPhone-Nutzer

Doch gerade für Neulinge ist Ingress alles andere als ein Selbstläufer. Die Spieler müssen lernen, was es mit der Exotic Matter auf sich hat, wie nahe man an die Portale herantreten muss, um sie zu hacken und wie man die Portale am besten verbinden kann, um möglichst viele Punkte zu bekommen. Spieler auf Level eins können dabei wenig ausrichten. Ihre Waffen, die Burster, können den Portalen eines Level-8-Gegners nur wenig Schaden zufügen. Viele Neulinge verschwinden deshalb schnell auf Nimmerwiedersehen.  

Um ihnen den Einstieg zu erleichtern, hat Niantic die Regeln geändert. Einmal eroberte Portale verlieren ihre Energie nun viel schneller als vorher. Die neuen Spieler finden also haufenweise schwache oder komplett freie Portale, die sie erobern können. Gleichzeitig ermuntert Ninantic die Communitys, Neulinge in ihre Mitte aufzunehmen.

Bislang wenig Kommerz

Der Schritt zeigt: Noch haben Niantic und die Mutterfirma Google die Lust am Spiel nicht verloren, obwohl das Unternehmen bisher keinen Gewinn macht, wie Ingress-Erfinder John Hanke kürzlich in einem Interview eingestand. "Ingress ist für uns ein Experiment, um zu sehen, ob man um standortbasierte Werbung herum tragfähige Geschäftsmodelle entwickeln kann", erklärte Hanke im Gespräch mit der c't. Mit der iOS-Verdion wird also die Basis für das Experiment vergrößert.

Damit das Experiment möglichst lange laufen kann, bemüht sich Niantic, seine Nutzer nicht frühzeitig zu vergrätzen. Die Ingress-App und die Webseite sind noch frei von Bannerwerbung. In Zeiten, in denen viele App-Programmierer ihre kostenlosen Programme zunehmend mit nervtötenden Werbespots finanzieren, ist Ingress auffallend wenig kommerzialisiert. Nur als Vodafone als Sponsor einstieg, wurden alle Ladengeschäfte des Mobilfunkbetreibers automatisch zu Ingress-Portalen ernannt und Vodafone konnte seinen Kunden im Spiel wertvolle Items zuschustern.