Vergangenen Freitagabend in der Bundesliga. In Mainz treffen der FSV und die TSG aus Hoffenheim aufeinander, es geht um den Spitzenplatz. Vor nicht ganz so vielen Zuschauern trete ich zur gleichen Zeit in meiner Wohnung in Berlin-Friedrichshain gegen den Sport-Kollegen Fabian Scheler zum Test von Fifa 15 an. Mein Fifa-Werdegang besteht aus Fifa 98 (mit Andi Möller auf dem Cover), Fifa 2003 und Fifa 2012. Der Kollege Scheler ist ein paar Jahre jünger als ich und hat sich als Gelegenheitsspieler in den Wohnzimmern der Republik bisher keinen Namen machen können. Brisant ist das Aufeinandertreffen trotzdem: Ich bin Dortmund-, er ist Bayern-Fan.

Aber zunächst geht es nach Mainz. Wenn die Profis schon spielen, dann können wir die Partie auch parallel mitspielen. "Aber dann auch mit 45 Minuten Halbzeitlänge", schlägt Scheler vor, motiviert wie seine Mainzer Jecken zum Karnevalsbeginn. Wir einigen uns auf neun Minuten und werden sogleich enttäuscht: Die Mainzer Arena gibt es bei Fifa 15 nicht, das Spiel wird stattdessen ins Frankfurter Waldstadion umgelegt. Da ist er schon, der erste Realismus-Dämpfer in der realistischsten Fußballsimulation aller Zeiten.

Ansonsten schickt sich das erfolgreichste Franchise unter den Sportspielen auch im 22. Jahr, die Referenz zu bleiben. Ernsthafte Konkurrenz gibt es allenfalls mit Konamis Pro Evolution Soccer. Womit sich die Frage stellt: Was kann Fifa eigentlich noch verbessern? Und sind kosmetische Veränderungen, bessere Animationen und klügere Computer-Mitspieler wirklich jedes Jahr wieder 60 Euro wert? Den Fans offenbar schon; seit jeher verkaufen sich die Spiele wie gefälschte Messi-Trikots in Bangkok. In Großbritannien liegen die Verkäufe bereits nach vier Tagen 15 Prozent über denen vom Vorjahr

Willkommen in der Floskel-Arena

Apropos Millionen: Meine Hoffenheimer starten besser ins Spiel. Ein richtiges Tutorial bietet Fifa nicht, stattdessen können die Spieler in einer Trainingsarena oder in kleinen Mini-Games vor den eigenen Partien ihre Tricks üben. Für den Anfang genügen aber die Standard-Befehle wie Schießen, Passen, Grätschen und Am-Trikot-Zupfen. Der Rest kommt mit der Zeit und auf den niedrigeren Schwierigkeitsstufen hilft der Computer ohnehin fleißig mit, damit der Ball auch zum richtigen Mann kommt.

Es dauert nur wenige Minuten, bis ich die Steuerung wieder so im Griff habe wie früher und den Ball souverän durch die eigenen Reihen und anschließend ins Tor befördere. Schnell führe ich mit 3:1, darunter ein Traumtor von Tarik Elyounoussi per Seitfallzieher. Scheler nennt mich arrogant, weil ich ständig per Heber in die Spitze spiele. Wie sich später herausstellt, drücke ich aber einfach nur ständig die falschen Tasten. So viel zu "Steuerung im Griff".

Für den Moment fühle mich ziemlich siegessicher und kann sogar über die Phrasen der deutschen Kommentatoren Frank "Buschi" Buschmann und Manfred "Manni" Breuckmann schmunzeln, auch wenn ihre Einschätzungen bisweilen "kilometerweit über das Tor" gehen, wie sie selbst sagen würden.

Lebensechte Stars, hölzerne Nobodys

Apropos abgenutzt: Hersteller Electronic Arts (EA) preist die neuen und natürlich ungemein PR-tauglichen Features "Living Pitch" und "Emotional Intelligence" in Fifa 15 an. Ersteres bezieht sich auf den Rasen, der im Laufe der Partie immer mehr zum Acker wird. Und tatsächlich: Vor allem bei Regen spritzt es bei jeder Aktion, dass auch Schönwetterfußballer ihre Freude haben wenn die Polygon-Kicker Gras fressen.

Das zweite Feature soll die Spieler und Zuschauer realistischer erscheinen lassen. Das verspricht EA jedes Jahr aufs Neue. Inzwischen maulen und gestikulieren Spieler und Fans über Schiedsrichter-Entscheidungen, schaukeln sich im Verlauf des Spiels auf, und natürlich sollen sie noch einmal naturgetreuer aussehen als in den Jahren zuvor. Das mag für Stars wie Cristiano Ronaldo der Arjen Robben stimmen, ein Spieler wie Hoffenheims Niklas Süle dagegen wirkt bei seinem Torjubel so hölzern, als hätte man ihn nach dem zehnten Wein auf dem Stadtfest in Sinsheim abgelichtet.

So ähnlich sehe ich wohl aus, als Kollege Scheler nach dem zwischenzeitlichen 1:3 Rückstand tatsächlich noch 5:4 im Golden Goal (ja, das geht auch in der Bundesliga) gewinnt – mit vier Toren von Shinji Okazaki, der im echten Spiel zwischen Mainz und Hoffenheim aussetzen musste. Das endete vielleicht auch deshalb Unentschieden.