Die Welt von Grand Theft Auto, besser bekannt als GTA, ist ebenso bunt wie gefährlich. Die offenen Spielwelten von Vice City, Los Santos und Liberty City gehören zu den besten und lebendigsten der Videospielgeschichte. Doch sie bestehen aus potemkinschenDörfern, hinter deren hübschen Fassaden der Moloch tobt. Einmal in diese Welt entlassen, gilt es für die Protagonisten und die Spieler darum, aufzusteigen in die Welt der Reichen. Autodiebstahl, Drogenhandel, Erpressung und Waffengewalt sind Alltag in GTA. Das kann man kritisieren. Oder intellektualisieren. Man kann sich aber auch schlicht nicht daran halten.

Ein YouTuber namens Goldvision begeht digitalen Ungehorsam in GTA, indem er, so paradox es klingt, gehorsam ist. Er spielt den Online-Modus des aktuellen Titels GTA V als Pazifist. Ohne Gewalt, ohne Waffen in der Tasche und ohne eine rote Ampel zu überfahren. Seine Eindrücke stellt Goldvision, der im bürgerlichen leben Jeremy Mattheis heißt, auf YouTube. Dort erschien bereits im Januar die erste von bis dato vier Folgen. Dass die Grand Theft Auto: Pacifist betitelte Serie erst jetzt im größeren Stil bekannt wird, liegt an einem Interview, dass Goldvision jetzt dem US-Magazin Vice gab.

"Ich denke, dass viele Außenstehende eine negative Einstellung zur Gamer-Community haben. GTA ist ein gewalttätiges Spiel und deshalb glauben viele, es würde Gewalt fördern. Mit dem Projekt möchte ich versuchen, friedfertig mit anderen zu spielen", sagt Goldvision.

Doch geht das überhaupt? GTA stiftet nämlich selbst im Multiplayer-Modus hartnäckig die Spieler zu kriminellen Aktivitäten an. Bereits in der ersten Episode schlittert Goldvisions Spielfigur haarscharf an einem Unfall mit einem Mitspieler vorbei, der vor der Polizei flüchtet. Seine vorher weggeworfene Pistole erscheint nach jedem Neustart des Spiels immer wieder auf mysteriöse Weise in seinem Inventar. Und um überhaupt weiterzukommen, muss er früher oder später widerwillig einen Laden ausrauben. 

Dazu kommen die Mitspieler. In GTA V Online teilen sich die Spieler nämlich die riesige Welt von Los Santos und dem kalifornischen Hinterland mit anderen. Dass die gemeinsamen Aufgaben darin bestehen, Überfälle zu planen oder an illegalen Straßenrennen teilzunehmen, ist eine Sache. Dass viele Spieler aber vor allem daran interessiert sind, andere zu meucheln, ist eine andere. "Oft laufe ich nur durch die Straßen und jemand erkennt meinen Nutzernamen.Und zack, werde ich in den Kopf geschossen", sagt Goldvision. Es sind harte Zeiten für selbsternannte Pazifisten.

Ein Reihe ironischer Video-Essays

Goldvisions Ansatz ist nicht neu, er folgt der Tradition der Grenzgänger. So heißen Spieler, die bewusst das  jeweilige Spielprinzip unterlaufen. Ein World-of-Warcraft-Spieler etwa hat 173 Tage damit verbracht, das höchste Spiellevel zu erreichen, indem er nie die Startregion verließ und stattdessen kontinuierlich Kräuter pflückte. Andere Spieler wandern in einer mehrjährigen Reise an die Grenzen von Minecraft. Für den Vorgänger GTA IV gibt es ebenfalls Anleitungen, wie man das Spiel mit möglichst wenig Gewalt meistern kann.

GTA: Pacifist unterscheidet sich darin, dass es keine für lange Zeit angelegte Serie ist, die von seinen Machern außerordentlich viel Fleiß und Zeit fordert. Es ist vielmehr eine lose Serie ironischer Video-Essays. Dozierend, trocken und emotionslos kommentiert Goldvision das Spielgeschehen und erklärt sein Vorhaben.

Was nach einer langweiligen Angelegenheit klingt, funktioniert genau durch diesen ungewöhnlichen Ansatz. Wenn Goldvision ernsthaft erklärt, dass er gerade kein Auto zur Verfügung hat (da er ja keines einfach aufbrechen kann wie der normale Spieler) und deshalb "die Gelegenheit für ein gesundes Jogging nutzt" oder sich über seltsame Frisuren wundert, ist das nicht nur witzig, es verschwinden die Grenzen zwischen Ernsthaftigkeit und Ironie: Meint der das wirklich so? Oder trollt er nur die Zuschauer, die prompt kommentieren, er solle das Spiel gefälligst "richtig" spielen.