Es gibt in diesem Spiel Momente wunderbarer Leichtigkeit. Man sitzt auf einer Kirchturmspitze, blickt über die Dächer von Paris und hört das Stimmengewirr nur gedämpft aus den Gassen heraufsteigen. In der Ferne erheben sich die Türme von Notre-Dame, noch weiter hinten glänzt die goldene Kuppel des Invalidendoms in der Nachmittagssonne, ein paar Vögel fliegen vorbei. Hier könnte man einfach sitzenbleiben, unbehelligt vom Leben auf Bordsteinhöhe. Doch schon im nächsten Moment geht es zügig die Fassade hinab und mitten hinein in das brodelnde Chaos der Französischen Revolution.

Historische Schauplätze sind das Markenzeichen von Assassin's Creed. Die wechselnden Helden der Action-Reihe kletterten und meuchelten sich schon durchs mittelalterlichen Florenz, durch den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg oder karibische Piratengewässer. Doch nie war die Kulisse so spektakulär wie in Assassin's Creed Unity, das an diesem Donnerstag für PS4, Xbox One und PC erscheint (Preis ca. 60 Euro). Auf 21 Quadratkilometern baute Ubisoft das Paris der Revolutionsjahre nach, vom prachtvollen Palais des Tuileries bis zum ärmlichen Gerberviertel La Bièvre. Mehr als 30 Wahrzeichen ragen aus dem Häusermeer hervor, allein die Rekonstruktion von Notre-Dame dauerte zwei Jahre.

Größe und Vielfalt der Stadt lassen sich bei einem Streifzug erahnen. Im Marais-Viertel flanieren wohlhabende Bürger über breite Boulevards, doch schon ein paar Hundert Meter weiter westlich beginnt der "Bauch von Paris" mit seinen engen, schmutzigen Gassen und zahllosen Marktständen. Noch etwas weiter westlich, im Regierungsviertel, belagern wütende Menschenmassen den Königspalast von Ludwig XVI. Hunderte computergesteuerter Figuren gestikulieren, schreien und laufen wild durcheinander. Ein grandioses Schauspiel, das nur bei längerem Betrachten zur automatisierten Dauerschleife wird.

Eigentlich ist das digitale Paris also die perfekte Bühne für ein Geschichtsdrama, zumal die Französische Revolution voll ist von markanten Gestalten und abrupten Wendungen. Doch Unity interessiert sich vor allem für den jahrhundertealten Machtkampf zwischen den Templern und Assassinen, reale Geschehnisse finden eher am Rande statt. Das Spiel verschenkt damit einen Teil seines Potenzials: Die Handlung ist weniger fesselnd, als es ihr Beginn verspricht.

Der Held des Spiels heißt Arno Victor Dorian. Als Kind verliert Arno seinen Vater, der Mitglied des Assassinen-Ordens ist und bei einer Audienz im Schloss von Versailles unter mysteriösen Umständen ermordet wird. Arno wird von dem Templer François de la Serre adoptiert, der bereits eine Tochter namens Élise hat. Zu Beginn der Französischen Revolution wird auch de la Serre ermordet. Arno, mittlerweile erwachsen, gibt sich die Mitschuld am Tod des Adoptivvaters und will die Drahtzieher des Verbrechens zur Verantwortung ziehen. Über Umwege wird er Mitglied der Assassinen und zum Meuchelmörder ausgebildet, bald darauf nimmt er erste Aufträge an. Natürlich darf in der Rache-Mär auch die Liebe nicht fehlen: Arno hofiert seine Adoptivschwester Élise, die aber selbst eine undurchsichtige Rolle spielt.

Die andere serientypische Ebene, eine recht krude Science-Fiction-Story, bleibt erfreulicherweise im Hintergrund. Assassin's Creed hat seine Epochensprünge immer damit begründet, dass alles eine Computersimulation ist, in der Templer und Assassinen nach "genetischen Erinnerungen" aus der Vergangenheit suchen. In Unity beschränkt sich die Parallelhandlung auf Angriffe von Hacker-Assassinen: Sie verursachen Zeit-Anomalien, so dass Arno auch mal im 19. und 20. Jahrhundert herumturnen darf.

Als Assassine zu Revolutionszeiten erhält er einen ersten großen Auftrag: Er soll den Templer Sivert beseitigen, der sich in Notre-Dame verschanzt hat. Sivert könnte einer der Verschwörer sein, die Arnos Adoptivvater ermordeten. Doch an ihn heranzukommen, ist nicht leicht: In der Kathedrale wimmelt es von Templerwachen.

Sorgfältige Planung ist nötig

Attentate wie das auf Sivert gehören zum Spannendsten, was Unity bietet. Meist geht es zunächst darum, ein großes Gebäude oder Gelände zu infiltrieren. Wie Arno das erledigt, bleibt dem Spieler überlassen. Um in das Innere von Notre-Dame zu gelangen, kann er sich durch das schwerbewachte Haupttor kämpfen, ein offenes Fenster an der Kirchenfassade suchen oder unterirdische Gänge nutzen. Ein vierter Weg führt durch eine Tür auf dem Kirchendach, doch dafür muss Arno zunächst einen Schlüssel finden, der dem Abt zuvor gestohlen wurde. All das erfordert sorgfältige Planung und Ausrüstung. Die passenden Gegenstände, von der Rauchbombe bis zur "Phantomklinge", kaufen Spieler sich mit Belohnungen und Beutegeld zusammen.

Die Meuchelaufträge passen gut zum Open-World-Prinzip von Unity: Statt vorgezeichnete Wege abzulaufen, müssen Spieler erst einmal Gelände und Bedrohungslage analysieren. Sind die patrouillierenden Rotröcke in der Überzahl, kommt man ihnen am besten mit Schleichattacken bei: Ziel ist, die Wachen voneinander zu isolieren und dann möglichst zügig auszuschalten, etwa mit einem Sprungangriff vom Dach.

Sind die Wachen alarmiert, kommt es schnell mal zu Gefechten mit vier bis fünf Gegnern. Die Kämpfe sind schwerer als im Vorgänger Black Flag: Arno besitzt keine tödlichen Konterattacken und kann auch nicht besonders viel Schaden einstecken. Richtig brenzlig wird die Sache, wenn die Gegner Schusswaffen besitzen. In solchen Fällen hilft Arno manchmal nur noch eine tarnende Rauchbombe oder eine vergiftete "Berserker-Klinge", die Feinde auf ihre eigenen Verbündeten hetzt.