Text-Adventures sind eine Bühne für Stimmen, die in anderen Genres oft kein Gehör finden. Denn dank kostenloser Tools wie Twine, Quest, Inform oder Inklewriter kann jeder, der möchte, ohne Hintergrundwissen oder ein abgeschlossenes Informatikstudium eigene Text-Adventures verfassen. Innerhalb weniger Stunden (oder gar Minuten) wird so die fixe Idee Wirklichkeit, die Welt mit einem Spiel zu beglücken, das von einem Hamster handelt, der versucht, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Und dank der aktiven Communitys, die um die Software und die oft kostenlosen Games herum entstanden sind, gibt es gleich ein interessiertes Publikum.

Und das Publikum, das interessiert sich für so einiges: Etwa für Howling Dogs von Porpentine, ein Text-Adventure, in dem es um Gewalt, Realitätsflucht und religiöse Erfahrungen geht. Es interessiert sich für das Leben mit Depressionen und spielt Depression Quest von Zoe Quinn. Oder es begeistert sich für einen größenwahnsinnigen Waschbären, so wie in Brooklyn Trash King von Ben Esposito

Oder nehmen wir Spiele wie The Day The Laughter Stopped von Hypnotic Owls, das dem Spieler zeigt, was Hilflosigkeit bedeutet, und zwar auf eine ziemlich kompromisslose Art und Weise. Hier schlüpft der Leser in die Rolle eines Vergewaltigungsopfers – und wird danach auch noch mit Vorwürfen überschüttet. Interactive Fiction nimmt sich das Recht, auch mal keinen Spaß machen zu müssen. Stattdessen bekommt man sehr viel mehr geboten: Erfahrungen nämlich, auf die man mitunter vielleicht lieber verzichtet hätte und die einen gerade deswegen zum Nachdenken bringen.

"Txtr" macht Laien zu Entwicklern


Zurück zu Sext Adventures und meinem Roboterliebhaber, denn dieses Spiel ist vielleicht das beste Beispiel für die neu aufkommende Intimität. Statt mit einem echten Menschen zu simsen, simuliert ein Bot hier einen Partner, der uns in ein lüsternes Gespräch verwickeln will – ein Sexting-Simulator, wenn man so will. Sext Adventures basiert auf Txtr, einer von Nadine Lessio speziell dafür entwickelten Engine, die bald jedem eigene SMS-Adventures ermöglichen soll. Diese Software könnte das Genre vielleicht noch mehr aus der Nische locken als Twine und Co.

Das Potenzial ist da, denn heute lesen Menschen mehr als je zuvor. Dank E-Readern, Smartphones und Tablets ist die nächste Buchstabenansammlung immer nur einen Wisch entfernt. Gamebooks gehören für viele vielleicht der Vergangenheit an, dafür locken illustrierte Visual Novels wie Christine Loves Analogue: A Hate Story. Und nicht zuletzt der überwältigende Kickstarter-Erfolg der Interactive Fiction Arcade Machine hat gezeigt, dass der Wunsch nach interaktiver Belletristik nicht nur lebendig, sondern auch lukrativ ist.

Quest-Entwickler Alex Warren hat es treffend beschrieben, als er sagte, dass wir uns ganz am Anfang der Geschichte der Text-Adventures befinden und das Beste erst noch kommt. Gut zu wissen, dass wir mit sextenden Bots noch nicht den Höhepunkt erreicht haben.

Rae Grimm ist Head of Games bei MoviepilotGamespilot und Bloggerin. Dieser Artikel ist in der neuen Ausgabe des Magazins WASD erschienen, das sich in Essays mit dem Thema Games befasst.