Neue Technik, bessere Vergrößerungsoptiken und steigende Rechenleistung sind ein Segen für die Bio-, Pharma- und Medizinwissenschaften. Ein Luxusproblem stellt dabei die zunehmende Masse an Daten dar. Deren Auswertung ist mitunter so trivial wie zeitraubend. Gerne setzen Forscher daher auf Citizen Science: Sie reichen ihre Daten an Laien weiter, die diese klassifizieren und nach Anomalien durchforsten. Die Ergebnisse werden qualitativ selektiert und zurück an die Forscher gesendet, die dann mit sortierten Daten weiterforschen.

Aber die Arbeit ist mitunter dröge, besonders, wenn es kein reizvolles Belohnungssystem gibt. Viele "Bürgerwissenschaftler" klassifizieren deshalb nur ein paar Probefälle und loggen sich danach aus. "Übrig bleiben Heavy-User, die bereit sind, langfristig Zeit zu investieren. Aber wenn die einen Fehler machen, zieht der sich oft über mehrere Dutzend bis Hundert Fälle hinweg", sagt Attila Szantner, Head of Research & Business Development beim Schweizer Unternehmen Massively Multiplayer Online Science (kurz: MMOS). Das Problem will Szantner lösen, indem er die Helfer spielerisch in den Prozess einbindet.

Zusammen mit CCP Games, dem Unternehmen hinter dem Online-Weltraumspiel EVE Online, der Universität Reykjavik und der Universität Uppsala arbeitet Szantner daran, Citizen Science erstmals in einem etablierten Spiel zu implementieren. Es ist nicht das erste Projekt dieser Art, das Spiel EyeWire zum Beispiel wurde extra vom MIT als Plattform für Citizen Science entwickelt. Aber EVE ist mit seinen 500.000 Spielern und seiner besonderen Struktur ein Universum für sich. Wer hier etwas Neues implementieren will, muss die Spieler auf seine Seite bringen, kann dann aber mit umso mehr Erfolg rechnen.

Lead Game Designer Petur Orn Thorarinsson von CCP Games, der das Projekt als Entwickler begleitet, war einst selbst als Laienwissenschaftler aktiv, unter anderem in Galaxy Zoo  – einem Programm, in dem Teilnehmer aufgefordert waren, Planeten auf Fotografien von fremden Galaxien zu markieren. Dadurch sei er auf die Firma MMOS gestoßen, die auf der Suche nach einem Partner für ihr Pilotprojekt war.

"EVE-Spieler sind gute Menschen. Sie wollen helfen, das Leid der Welt zu lindern. Das haben wir beim Spendenmarathon "PLEX for Good" bemerkt", sagte Thorarinsson vergangene Woche auf dem EVE Fanfest in Reykjavik. 140.000 Euro spendeten die Spieler Ende 2013 für die Opfer des Taifuns Haiyan auf den Philippinen. 

Thorarinsson hat für EVE Online ein ähnliches Prinzip wie in Galaxy Zoo vor Augen, also die Arbeit mit Fotos: "Die Testfälle müssen ästhetisch zu EVE Online passen. Das ist ein Weltraumspiel, weshalb sich mikroskopische Fotos von Gewebeproben oder Bilder aus dem Kosmos gut einfügen lassen. Naturfotos passen leider gar nicht." Die Aufgaben müssten außerdem sehr kurz sein. Fünf bis zehn Sekunden soll ein Testfall dauern, sodass man daraus ein einfaches Minispiel machen kann. Umfangreichere Aufgaben, die bis zu zehn Minuten in Anspruch nehmen, gibt es zwar, sie lassen sich aber nicht in Spiele einbetten.

Spieler sichten Millionen von Fotos

Einen ersten Prototyp in EVE Online haben zwei Forscher der Universität Reykjavik entwickelt. Als Datenquelle dient wiederum der Human Protein Atlas der Universität Uppsala. Die Schweden versuchen, mikroskopische Fotografien von Gewebe auf Zellebene zu klassifizieren. 13 Millionen Bilder von Gewebeproben, subzellulären Gebilden, Zelllinien und Krebszellen haben sie zusammengetragen. Die Einteilung in Gruppen, in denen Mediziner und Wissenschaftler sie systematisch durchforsten können, ist jedoch aufwendig: Anhand von Vergleichsbildern ordnet man die Zellen, die mit einem Kontrastmittel eingefärbt wurden, bestimmten Kategorien zu. Menschen können das besser als Computer. Deshalb sollen EVE-Online-Spieler diese Aufgabe übernehmen.

Eine qualitative Kontrolle der Laienarbeit findet natürlich trotzdem statt. Forscher, die ihre Daten freigeben, können erstens festlegen, wie oft ein Datensatz an verschiedene Unterstützer ausgegeben wird. Nur wenn die Antworten konsistent und übereinstimmend sind, wird der Datensatz zurück an die Forscher geschickt. Im Fall der Planetensuche Galaxy Zoo wurde eine Datei beispielsweise im Durchschnitt an 13 Personen geschickt, bevor ein Ergebnis feststand.

Zweitens soll eine Standardüberprüfung immer wieder dafür sorgen, dass die Laienwissenschaftler richtig antworten. Dazu verschickt das Programm automatisch Proben, zu denen die Wissenschaftler bereits eine nachgeprüfte Antwort haben. "Dadurch lassen sich Benchmarks erstellen, nach denen wir Nutzer auch in mehr oder weniger vertrauenswürdige Tester-Kategorien einteilen können", sagt Szantner.

Ein Benchmark ist den Spielern von EVE Online offensichtlich sehr wichtig. Sie wollen sich vergleichen können und Punkte sammeln. "Wenn wir einen Wettbewerb daraus machen, werden sich die Corporations im Spiel darum reißen, unter den besten Wissenschaftlern zu sein", sagt einer beim Fanfest.