Poster-Art von "Pillars of Eternity" © Obsidian Entertainment

Jalousien runter, die Kopfhörer auf. Die Fantasie-Welt von Eora ruft und duldet keine Ablenkung. Gleich zu Beginn gerät die Heldin in einen magischen Sturm. Nachdem sie entkommen ist, kann sie mit den Seelen anderer Lebewesen sprechen. Doch der Preis ist hoch; eigene und fremde Erinnerungen quälen sie fortan, und nur langsam kommt sie dem Ursprung auf die Schliche.

Etwa 60 Stunden Spielzeit verspricht Pillars of Eternity. Es ist ein Rollenspiel der alten Schule und entsprechend umfangreich. Vor siebzehn Jahren erschien mit Baldur's Gate eine neue Generation der Rollenspiele, die auf der Welt und dem Regelwerk von Dungeons & Dragons aufbauten und erzählerischen Tiefgang mit taktischen Kämpfen verknüpften. Pillars of Eternity spielt zwar nicht im D&D-Universum und schreibt seine eigenen Regeln, doch es setzt diese Tradition so gewissenhaft fort wie lange kein anderes Spiel. Zu verdanken ist das 77.000 Menschen.

Sie haben Pillars of Eternity vor drei Jahren auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter oder direkt über PayPal unterstützt. 4,1 Millionen US-Dollar kamen letztlich zusammen, drei Jahre lang dauerte die Entwicklung des Spiels. Das jetzt veröffentlichte Ergebnis ist grandios, da sind sich die Experten einig.

Fordernde Kämpfe, dichte Story

Von der ersten Spielminute zeigt das Spiel seinen Hang zur Tradition. Die rollenspieltypische Draufsicht, isometrische Perspektive genannt, die detailreichen 2-D-Hintergründe und die ausgeklügelten Charakter- und Ausrüstungseigenschaften erinnern an Klassiker wie Baldur's Gate oder Icewind Dale. Dass es den Entwicklern von Obsidian Entertainment gelungen ist, das traditionell mühsame Inventar-Geschiebe zu vereinfachen, ist dagegen eine neuzeitliche Leistung.

Die Kämpfe funktionieren in Pillars of Eternity vor allem mit der Pause-Taste. Nach und nach werden Befehle an die bis zu sechs Mitglieder starke Party verteilt. Ohne die richtige Mischung aus flinken Rangern, schwertschwingenden Kämpfern und den unterstützenden Auren und Zaubern von Priestern, Paladinen oder Sängern geht es nicht. Bereits auf der normalen Schwierigkeitsstufe ist Pillars of Eternity reichlich fordernd, dafür aber auch sehr belohnend, wenn man mit letzter Kraft eine Gegnergruppe geschlagen hat.

Wer es leichter mag, kann den Schwierigkeitsgrad herabsetzen und stattdessen vor allem die Story genießen. In den großen Metropolen und kleinen Siedlungen, überall warten persönliche Schicksale in Form von Nebenmissionen, die aber häufig mit der Hauptgeschichte verknüpft sind.

Entscheidungen sind knifflig, nicht selten fallen sie später wieder auf einen zurück: Hilft man etwa dem Kommandanten dabei, Soldaten wiederzubeleben? Möglicherweise überrennen die Zombies irgendwann die eigene Kaserne. Nach und nach entsteht eine dichte Fantasiewelt – jedenfalls für alle Spieler, die gerne lesen. Denn nur die wichtigsten Charaktere haben eine Sprachausgabe bekommen. Aber auch wer nicht jede Zeile liest, bekommt ein komplexes Spielerlebnis.

Die Renaissance der Retro-Rollenspiele

Noch vor einigen Jahren wäre Pillars of Eternity vermutlich in der Schublade der Entwickler verschwunden. Zwar hatte sich Obsidian mit Titeln wie Fallout: New Vegas und Neverwinter Nights 2 einen Namen gemacht. Doch der Plan, ein Rollenspiel in Anlehnung an die Klassiker zu veröffentlichen, war vielen traditionellen Publishern zu risikoreich. Um es trotzdem unabhängig entwickeln zu können, suchte Obsidian nach alternativen Finanzierungsmöglichkeiten – und fand sie bei den Fans.

Nachdem Anfang 2012 das Adventure Broken Age von Kult-Designer Tim Schafer (Monkey Island) fast vier Millionen Dollar einnahm, begannen zahlreiche kleine und mittlere Studios, mit Crowdfunding zu experimentieren, darunter auch Obsidian. Überhaupt sind Retro-Rollenspiele besonders erfolgreich auf Kickstarter. Bereits vergangenes Jahr feierten die schwarmfinanzierten Rollenspiel-Titel Divinity: Original Sin, Wasteland 2 und The Banner Saga bereits Erfolge bei Spielern und Kritikern.

"Das Crowdfunding hat die Firma vor der Pleite gerettet", sagt ein Obsidian-Entwickler in einer Videodokumentation zur Veröffentlichung von Pillars of Eternity. Dennoch ist Crowdfunding kein Allheilmittel in der Games-Branche. Für jedes erfolgreich finanzierte Spiel gibt es etwa zwei, die ihr Ziel nicht erreichen. Und selbst von denen, die es erreichen oder deutlich übertreffen, erscheinen nicht alle wie geplant.