Im Lagerhaus tobt ein erbittertes Gefecht. Zwei Viererteams kämpfen um jeden Meter, erobern Schlüsselpositionen, drängen einander zurück. Das Schlachtgetümmel ist heftig und ohne Pause, Geschosse schlagen im Sekundentakt ein. Aber falsch gedacht, hier geht es nicht darum, wer die meisten Kills verbucht. Geschossen wird mit farbiger Tinte. Gewinner ist, wer die größere Fläche zukleistert.

Splatoon, das am Freitag für die Wii U erscheint, ist der erste Strategie-Shooter von Nintendo. Die Spielefirma ist sonst eher für hüpfende Klempner, Plüschbälle und elfengleiche Prinzessinnen bekannt. Während sich Spieler in Counter-Strike, Halo oder Call of Duty bekriegten, setzte Nintendo stets auf familientaugliche Unterhaltung. Die schwächelnde Heimkonsole Wii U erholte sich auch deshalb leicht, weil der Konzern bekannte Reihen wie Mario Kart und Super Smash Bros. fortführte. Mit dem grellbunten Splatoon wagt Nintendo den Spagat: Das Spiel richtet sich an Familien (USK 6), aber eben auch an Fans von strategisch anspruchsvollen Shootern.

Dieser Spagat funktioniert erstaunlich gut. Vor allem deshalb, weil der Faktor Farbe ganz neue Spielideen ermöglicht. Spieler schlüpfen in Splatoon in die Rolle von "Inklingen", einer Mischung aus Mensch und Tintenfisch. Die Bewohner von Inkopolis treten im zentralen Multiplayer-Modus gegeneinander an, in zufällig zusammengestellten Viererteams und für die Dauer von je drei Minuten. Die wechselnden Karten sind symmetrisch aufgebaut, jedes Team hat eine Basis, von der aus es seine Angriffe startet. Ziel ist, mehr als 50 Prozent der Level-Grundfläche mit der eigenen Farbe zu bedecken. Die Teams rücken mit Tintengewehren, Farbrollen und riesigen Bazookas an.

Wenn Menschen zu Tintenfischen werden

Der Clou dabei ist: Die Inklinge können jederzeit ihr Erscheinungsbild ändern. Per Knopfdruck verwandeln sich die Zweibeiner in Tintenfische und tauchen in die zuvor versprühte Farbe ein. Schwimmend sind sie sehr viel schneller als zu Fuß; nebenbei laden sie auch die Munitionskanister auf dem Rücken auf. Tintenfische können außerdem eingefärbte Wände emporschwimmen und sich durch enge Absperrgitter zwängen. Der größte Vorteil jedoch ist, dass sie für Gegner fast unsichtbar werden. Das ermöglicht Überraschungsangriffe und Ausflüge hinter Feindeslinien.

Top-Spieler beherrschen den Wechsel virtuos: Sie sprühen Farbe, tauchen ab, tauchen an anderer Stelle wieder auf und schlagen hinterrücks zu. So entsteht auf die Dauer ein ganz eigener Spielrhythmus, der unter Shootern seinesgleichen sucht. Überhaupt sind die strategisch-taktischen Herausforderungen ganz andere als etwa in Counter-Strike. Zwar sterben Kämpfer hier wie dort durch Feindbeschuss. Doch erstens werden Inklinge sofort an der Basis wiederbelebt, sind also erneut einsatzfähig. Und zweitens gilt es in Splatoon ein möglichst großes Gebiet zu kontrollieren – anders als in Counter-Strike, wo sich das Geschehen stärker auf einzelne Punkte wie die Bomben- oder Geiselverstecke konzentriert.

Wer in Splatoon Gebiete erobert, muss sie auch sichern. Sonst kommt der Gegner und streicht sie in seiner Farbe um. Es gibt nichts Frustrierendes, als zusehen zu müssen, wie feindliche Inklinge in den letzten Spielsekunden mit Farbrollen über scheinbar gesichertes Territorium walzen. Womöglich sind es gerade diese paar Prozent Grundfläche, die letztlich über Sieg und Niederlage entscheiden. Es ist daher nicht ganz abwegig, wenn das Magazin Eurogamer Splatoon mit einem MOBA vergleicht: Auch in Multiplayer Online Battle Arenas wie League of Legends oder Dota 2 ist die Kontrolle des Territoriums wichtig.