Der Held steht mit seinem Pferd auf einer Anhöhe, die Sonne taucht die Welt in warmes Orange. In der Ferne lassen sich die Umrisse einer Siedlung ausmachen, davor liegen dichte Wälder. Die Baumkronen wackeln sanft im Wind, davor hoppeln Häschen auf einer blumenbunten Wiese. Ein wirklich schönes Motiv fürs Fotoalbum, wäre nicht einige Meter weiter dieser große Baum, an dem einige glücklose Einheimische nicht mehr ganz munter vor sich hin baumeln.

Das Action-Rollenspiel The Witcher 3: Wild Hunt (PC, Xbox One und PS4) lebt von diesen Kontrasten. Die Spielwelt von Temeria ist Idylle und Moloch, gleichermaßen Bilderbuch und Horrorgeschichte. Wen die Wanderlust packt, der sollte neben Proviant noch die Schwerter einpacken. Nicht nur kämpfen die Schergen des Kaisers von Nilfgaard um die Eroberung des Nördlichen Königreichs, auch eine Gruppe Untoter namens Wild Hunt verbreitet Angst und Schrecken.

Mittendrin der größte Außenseiter: Geralt von Rivia (in der deutschen Fassung: von Riva), muskulös und kantig, grauweiße Haare obwohl im besten Mannesalter und natürlich mit den zahlreichen Narben versehen, die von seinen Heldentaten zeugen. Vor allem aber ist Geralt ein Witcher, ein Hexer. Der Legende nach wurde er als Kind mit magischen Kräften versehen. Als talentierter Kämpfer jagt er heute Monster gegen Bezahlung. Die Einheimischen spucken ihm dafür schon mal ein abfälliges "Freak!" und "Mutant!" ins Gesicht, wenn er durch ihre Städte reitet. Ja, es gibt viel undankbares Gesindel in diesen Gefilden.

Offene Welt, offene Wahl

Schon zum dritten Mal schlüpfen Spieler in die Rolle des Witchers, wieder knüpft die Fortsetzung an die gleichnamige Fantasy-Reihe des polnischen Autoren Andrzej Sapkowski an. Der Vorgänger stärkte die Entscheidungen der Spieler wie kaum ein anderes Spiel zuvor – ein ganzer Akt hing davon ab, für welche Seite der Macht die Spieler sich zuvor entschieden hatten.

In The Witcher 3: Wild Hunt sieht die Entscheidungsfreiheit anders aus. Zwar haben einige Entscheidungen, etwa ob Geralt eine Gruppe Wegelagerer auf einer Brücke mit ein paar Münzen besticht oder ermordet, Auswirkungen auf Dialoge, und auch das Ende ergibt sich aus zentralen moralischen Entscheidungen. Wichtiger aber ist, dass die Spieler mehr denn je wählen können, wie sie das Spiel eigentlich spielen: The Witcher ist erstmals ein Open-World-Abenteuer; die Spielwelt, deren Größe die von Titeln wie Grand Theft Auto V oder Skyrim noch einmal übertrifft, lässt sich von Anfang an frei erkunden.

Das Spiel beginnt nach dem Prolog dann auch stilecht auf dem Pferd. Vor dem Helden erstrecken sich weite Felder und dichte Wälder, dunkle Sümpfe und reißende Flüsse, kleine, verruchte Siedlungen und größere Städte. Dem polnischen Studio CD Projekt RED ist es gelungen, eine glaubhafte und vielschichtige Fantasy-Welt zu erschaffen, die es mit den besten der Games-Geschichte aufnehmen kann und ebenso Mittelalter- wie Wildwest-Romantiker begeistern dürfte. Auch wenn einige Spieler bemängeln, dass die PC-Grafik am Ende im Vergleich zu den Vorabversionen heruntergeschraubt wurde und es bereits Möglichkeiten gibt, die vielleicht etwas zu satten Farben zu zähmen.

Der Witcher mit seinen Gefährtinnen Triss (l.) und Yennefer © CD Projekt RED

Viele Frauen, noch mehr Monster

Zähmen ist ein Wort, das in Geralts Wortschatz nicht wirklich vorkommt. Der Witcher ist nicht nur ein Outsider, sondern auch ein Outlaw, ein raubeiniger Cowboy im Märchenland. Als zynischer Tagelöhner hat er wenig Respekt vor der Obrigkeit. Aber auch Banditen und Bauern, Hexen und Herrscher bekommen seinen Groll zu spüren. Im besten Fall fällt bloß ein derber Spruch, im schlimmsten Fall rollen eben Köpfe. Wobei es den Spielern zumindest teilweise freisteht, wie viel Blut sie tatsächlich vergießen möchten und ob sie dem Antihelden nicht doch eine weiche Seite verpassen.

Für eine Sache hat Geralt in jedem Fall eine Schwäche: die Frauen. Schon die vorherigen Teile rückten seine Beziehungen in den Vordergrund, und auch diesmal handelt ein Großteil der Geschichte davon, verschiedene Frauen zu finden. Zunächst seine große, aber abtrünnige Liebe, die Zauberin Yennefer, später dann seine Adoptivtochter Ciri. Beide werden aus zunächst unklaren Gründen von der Wild Hunt verfolgt. Neben den familiären Verlusten gibt es wie in den Vorgängern diverse romantische Versuchungen, denen sich Geralt hingeben kann. Freizügige Sexualität gehört auch im dritten Witcher-Teil dazu, weshalb das Spiel erst ab 18 Jahren freigegeben ist.