"Zieh sofort dein Halsband an!" Die Stimme aus dem Off klingt herrisch, bedrohlich. Ein greller Scheinwerfer blendet die Sicht des Kaninchens, das ungeschützt mitten auf einer Wiese hockt. Im Gegenlicht zeichnet sich ein riesiger Geschützturm mit roboterhaftem Affenkopf ab, die Mündung der Hauptkanone ist direkt auf das Nagetier gerichtet. Die Alternativen sind klar: Legt es das Ortungshalsband an, dann ist es vom Turmherrn leichter zu überwachen, so wie seine Artgenossen auf der Wiese. Verweigert es den Gehorsam, wird es wahrscheinlich erschossen. So spielt das Kaninchen erst einmal mit – und hofft darauf, den Diktator bei anderer Gelegenheit zu stürzen.

Obey ist halb Spiel, halb soziales Experiment. Es installiert ein erhebliches Ungleichgewicht und schaut genüsslich zu, was die Teilnehmer daraus machen. Der Spielverlauf hängt davon ab, wie weit sie sich einer Autorität unterordnen, wie sehr sie gegen ihre eigenen Interessen handeln und wie gut sie kooperieren. Obey ist ein Milgram-Versuch im digitalen Gewand und ein höchst spannendes Strategiespiel noch dazu. Seit Kurzem ist das Indie-Game auf Steam Early Access verfügbar und seinen Preis (15 Euro) schon jetzt allemal wert, auch wenn noch zahlreiche Features hinzukommen werden.

Nur auf den ersten Blick wirkt Obey simpel. Im Kaninchenkostüm kämpft eine Handvoll Onlinespieler um die Kontrolle über einen Geschützturm, der ein weitläufiges Terrain bewacht. Das Ganze findet auf verschiedenen Karten statt, kommuniziert wird per Headset oder Texteingabe. Wer den Robosaru (Japanisch für Roboteraffe) besetzt, versucht ihn möglichst lange zu halten. Kaninchen, die sich dem Eingangstor nähern, erledigt der aktuelle Overlord mit Maschinengewehrsalven, Flammenwerfer- und Raketenbeschuss. Schafft es ein Bunny trotzdem bis zum Eingang, wird es zum neuen Overlord. Dieses Prinzip – die Verteidigung einer zentralen Position – nennt sich King of the Hill, man kennt es aus Spielen wie Halo oder Gears of War. Obey jedoch ersetzt die üblichen Ballerorgien durch eine andere Ebene: Eine voller Täuschung, Manipulation und Zwang.

In Obey gewinnt nämlich nicht der Spieler, der die meisten Gegner tötet. Sondern derjenige, der am schnellsten 10.000 Cent verdient hat. Egal, ob er dabei im Geschützturm sitzt oder über die Wiese hoppelt. Jeder Spieler erhält pro Sekunde automatisch einen bestimmten Betrag gutgeschrieben, nur ist der um ein Vielfaches höher, wenn man im Robosaru sitzt. Allerdings hat der Turmbesetzer gleich mehrere Probleme. Zum einen beleuchtet sein Scheinwerfer nur einen kleinen Teil des Geländes, während die Kaninchen perfekte Nachtsicht haben und sich zudem hinter Hügeln und Büschen verstecken können. Zum anderen kann er den Ansturm der unbewaffneten Kaninchen nur so lange aufhalten, wie er Munition und Energie für die Verteidigungsanlagen besitzt.

Nachschub kommt aber nicht direkt ins Haus, sondern wird per Frachtflugzeug über dem Gelände abgeworfen. Der Herrscher muss die Mitspieler also überzeugen, ihm die Ressourcen zu bringen, auch wenn ihnen das vordergründig schadet. Der Übergabeort ist die sogenannte Feed Box: Ein Depotschacht mitten im Gelände, in den die Kaninchen ihre Waren einwerfen können, zum Beispiel Raketen, Uran oder Treibstoff. Der Overlord legt fest, wie viel Geld sie dafür automatisch erhalten: Der Auto-Pay reicht in vier Stufen von 25 bis 100 Cent. Zudem kann der Overlord ganz nach Gutdünken Geldgeschenke auf der Karte platzieren und so beispielsweise honorieren, wenn ein Bunny eifrig Gegenstände apportiert oder Mitspieler verpfeift, die sich gerade dem Turm nähern. Tragen Bunnys das Ortungshalsband, bekommen sie automatisch mehr Geld, sind für den Overlord aber auch als leuchtende Punkte auf der Karte sichtbar und damit gut zu kontrollieren.

Strategien der Karnickel

Geld ist nur eines von mehreren Mitteln, die meuternde Horde gefügig zu machen. Ein anderes ist rohe Gewalt. Werden Bunnys getötet, sind sie zwar sofort wieder lebendig, werden aber meist an Bord des Frachtflugzeugs gebeamt. Bis das seine Ladung am Zielort abwirft, vergeht kostbare Zeit, in der die Bunnys weniger Geld verdienen als sonst. Das Dropship ist so etwas wie eine Strafrunde beim Biathlon: Der Zeit- und damit auch Geldverlust wird für den Overlord zum wirksamen Druckmittel.

So richtig komplex wird Obey durch die strategischen Möglichkeiten der Bunnys. Im Dropship etwa können sie selbst zusammen so viele Gegenstände kaufen, dass das Schiff überladen wird und abstürzt. Damit schaden sie dem Overlord erheblich, weil er nicht nur die Flugkosten von 1.500 Cent trägt, sondern auch den teuer gekauften Nachschub verliert, den er dringend zur Verteidigung braucht. Eine beliebte Bunny-Strategie ist auch, wertvolle Ressourcen wie Uran nicht abzuliefern, sondern in einem unbeobachteten Moment zu verstecken. Oder sie "melken" den Overlord, indem sie billige Gegenstände in die Feed Box werfen, wenn die Prämie gerade hoch ist.