Wie in den traditionellen Sportarten kämpfen auch die professionellen Videospieler um lukrative Sponsorenverträge, hohe Preisgelder und gegen starke Konkurrenten. Zehntausende Zuschauer besuchen die Turniere, Millionen mehr sind es vor den Bildschirmen weltweit. Und wie viele traditionelle Sportarten, hat auch die E-Sports-Szene jetzt ihre eigene Dopingdebatte. Veranstalter wie die Electronic Sports League (ESL) wollen künftig Dopingkontrollen für die Spieler einführen.

Ein Interview mit dem Counter-Strike-Spieler Kory "Semphis" Friesen hatte vor zwei Wochen die Diskussion ausgelöst. In diesem gab er nonchalant zu, dass er und sein Team Cloud9 während eines Turniers vor vier Monaten allesamt auf Adderall gewesen seien. Adderall ist ein verschreibungspflichtiges Medikament, das zur Behandlung von ADHS oder anderen Konzentrationsschwächen eingesetzt wird. Es gehört zu den Stimulanzien und fördert nicht nur die Konzentration, sondern macht auch euphorisch. Auf die Nachfrage, ob denn alle Spitzenspieler in der ESL das Medikament nehmen, antwortete Friesen mit einem einfachen "Ja".


Dopingkontrollen bei "Counter-Strike"-Turnieren

Es ist unklar, ob Friesen die Wahrheit sagt oder ob er die Zuschauer nur veräppeln wollte und einen Seitenhieb in Richtung seines Ex-Teams ansetzte. Friesen wurde nämlich inzwischen wegen schlechter Leistungen aus Cloud9 entlassen. Dennoch blieb das Interview nicht unbeachtet. Am Donnerstag kündigte die ESL an, sich mit der Nationalen Anti-Doping Agentur Deutschland (NADA) zusammengeschlossen zu haben. "Wir haben das Thema schon länger auf dem Schirm, aber es hat jetzt gerade Fahrt aufgenommen, auch weil wir demnächst ein großes Turnier anstehen haben", sagt die ESL-Sprecherin Anna Rozwandowicz im Gespräch mit ZEIT ONLINE.

Geplant ist ein vergleichsweise günstiger Hauttest, doch wie dieser genau aussieht und welche verbotenen Substanzen er erkennen soll, steht noch nicht fest. "Für uns ist das alles neu und wir halten uns an die Vorschläge der NADA", sagt Rozwandowicz. Eine flächendeckende Dopingkontrolle sei allein aus Zeit- und Personalgründen noch weit entfernt, aber zumindest stichprobenartige Tests sollen möglich sein.

Schon im August sollen auf dem ESL One in Köln, dem größten Counter-Strike-Turnier der Welt, die ersten Kontrollen stattfinden. Das Regelwerk soll entsprechend angepasst werden, wobei die ESL bereits jetzt den Einsatz von Drogen verbietet. Im offiziellen Regelwerk heißt es im Punkt 2.6.4: "Das Spielen, online wie offline, unter dem Einsatz jeglicher Drogen, Alkohol oder leistungsfördernder Mittel ist strengstens untersagt." Was bei positiven Tests passiert, werde man von Fall zu Fall entscheiden, erklärt Rozwandowicz. Prinzipiell sei von Punkteabzug bis zur Disqualifikation alles möglich.

Schon früher Hinweise auf Doping

Da mit der Professionalisierung des Sports der Konkurrenzkampf in den letzten Jahren gestiegen sind, ist es nicht überraschend, dass es angesichts mangelnder Kontrollen immer wieder einzelne Spieler gibt, die ihrer eigenen Leistungsfähigkeit mit mehr als koffeinhaltigen Brausegetränken auf die Sprünge helfen. Sogenannte Neuro-Enhancer oder "smarte Drogen" wie Adderall oder Ritalin sind eine logische Wahl, aber auch Schmerzmittel sind unter Spielern nicht unbekannt, zumal einige von ihnen unter chronischen Hand- und Nackenschmerzen leiden. Die entscheidende Frage ist: Handelt es sich um Einzelfälle oder hat die Szene tatsächlich ein Dopingproblem?

Vor fast genau einem Jahr schrieb der lange Zeit in der E-Sports-Szene tätige Bjoern Franzen einen Artikel mit dem Titel Doping in eSports – The Almost Invisible Elephant in the Room. Franzen beschreibt seine persönlichen Erfahrungen, die er in zehn Jahren gesammelt hat. Es sei demnach normal, dass einige Spieler von League of Legends vor dem Turnier "drei verschiedene smarte Pillen" einwerfen, um ein paar Stunden länger konzentriert zu sein. Gleichzeitig warf Franzen den Veranstaltern wie der ESL vor, diese Art der "Selbstmedikation" insgeheim zu tolerieren.