ZEIT ONLINE: Herr Hanbückers, Sie haben in den vergangenen beiden Jahren mit dem Team Fnatic beim Turnier The International in Seattle mitgespielt. Heute geht es wieder los, in diesem Jahr sind fast 18 Millionen US-Dollar Preisgeld ausgelobt, das ist mehr, als die Tennisprofis in Wimbledon bekommen. Ist das nicht ein bisschen wahnsinnig?

Kai Hanbückers: Auf jeden Fall. Vor allem darf man nicht vergessen, dass Valve als Veranstalter nur 1,6 Millionen beigesteuert hat. Der Rest kommt von den Fans aus der Dota-Community, die Tickets für das Turnier und im Spiel selbst das Compendium (eine Broschüre mit In-Game-Inhalten, Anmerkung) kaufen. Nur so sind diese Summen überhaupt möglich.

ZEIT ONLINE: Sorgt so ein Preisgeld nicht für riesigen Druck bei den Spielern?

Hanbückers: 18 Millionen Dollar sind ein gigantischer Berg vor dir. Da kannst du so gut sein, wie du willst, die ganze Saison über, aber am Ende kommt es eben auf eine Performance von etwa zwei Wochen an. Wenn du am Ende in die Top 3 kommst, hast du viel Geld gemacht. Es gibt zwar noch andere Turniere über das Jahr hinweg, aber die sind in Sachen Preisgeld nicht zu vergleichen.

ZEIT ONLINE: Frisst ein Event wie The International alles andere in Dota 2 auf?

Hanbückers: Ich sähe es lieber, wenn E-Sports generell nicht nur abhängig vom Preisgeld wären, sondern eine feste Einkommensstruktur dahintersteckte. Es hat sich in den letzten Jahren zwar verbessert, es muss aber noch mehr gefördert werden, um wirklich den bestmöglichen Sport zu ermöglichen. Valve arbeitet zumindest an einer Art Grand-Slam-Modell. Ab dem Herbst soll es vier Dota-Majors geben, drei große Turniere plus The International. Dann könnte sich das alles etwas aufteilen, aber es bleibt natürlich immer am Preisgeld hängen.

ZEIT ONLINE: Zahlen die Teams denn kein regelmäßiges Gehalt?

Hanbückers: Die Teams zahlen Gehalt, aber man muss das auf die Stunden hochrechnen, die ein Spieler mit dem Spiel verbringt. Das lässt sich nicht vergleichen mit einer 40-Stunden-Arbeitswoche. Du spielst bestimmt sechs Tage die Woche, und in den Wochen vor dem International wächst das schnell auf zwölf Stunden pro Tag. Ein Grundgehalt von vielleicht 3.000 Euro vor Steuern ist in diesem Fall nicht sehr hoch. Es muss deutlich höher sein, da man diesen Beruf nur für eine bestimmte Zeit ausführen kann.

ZEIT ONLINE: Wie sieht die Vorbereitung auf so ein Turnier konkret aus?

Hanbückers: Vor jedem Turnier gibt es ein sogenanntes Bootcamp, in dem sich das komplette Team trifft. Vor The International war es bei uns bei Fnatic so, dass wir bereits zwei Monate vorab im Bootcamp waren. Dann wird jeden Tag gegen andere Teams gespielt, wir nennen das scrims. Zum einen geht es um die Taktik: Wie spielt man gegen wen, wie kann man die Taktik vielleicht verstecken, wo verbessert man sich? Zum anderen geht es aber auch darum, eine gute Tagesform aufzubauen und bis zum Turnier zu halten. Schon eine Woche Pause kann die ganze Form zunichte machen.  

ZEIT ONLINE: Gibt es während des Turniers denn Privatduelle mit einzelnen Spielern?

Hanbückers: Man ist so konzentriert, dass die Gegner gar nicht so sehr auffallen. Die Spieler wissen aber ungefähr, wie die jeweiligen Teams spielen, denn es gibt Unterschiede zwischen den Europäern und den Asiaten. Ein europäisches Team spielt durch die Qualifikation öfter gegen andere Europäer und kennt daher auch deren Spielstil etwas besser. Grundsätzlich ist es aber kein gravierender Unterschied, wer am Ende der Gegner ist.

ZEIT ONLINE: Gretchenfrage: Dota 2 oder League of Legends?

Hanbückers: Ich unterstütze beide Spiele.

ZEIT ONLINE: Ach was.

Hanbückers: Mir geht es darum, dass der E-Sport gefördert wird. League of Legends wird vermutlich immer das beliebtere Spiel bleiben, weil es meiner Meinung nach etwas einfacher zu lernen und zu spielen ist. Aber beide haben den Reiz eines Teamspiels mit vielen taktischen Möglichkeiten. Es gibt mehr als 100 Heroes (Spielfiguren, Anmerkung) mit eigenen Fähigkeiten, die von den Herstellern mit Patches und Updates immer wieder erweitert werden. Damit wird es nicht langweilig.

ZEIT ONLINE: Trotzdem haben Sie im Frühjahr Ihre Karriere beendet. Wieso?

Hanbückers: Vor circa zehn Jahren habe ich angefangen, Dota zu spielen. Anders als bei vielen heutzutage stand bei mir nie der Geldgedanke dahinter; es war einfach der Wettbewerb und drive, etwas zu perfektionieren. Das hätte auch ein anderer Sport sein können. Ab einem bestimmten Alter muss man natürlich auf die Zukunft gucken, ich bin ja mittlerweile auch schon 25 Jahre alt.  

ZEIT ONLINE: Damit zählen Sie quasi zum alten Eisen in der Szene.

Hanbückers: Ich hätte bestimmt noch zwei, drei Jahre weitermachen können. Viele Spieler sind zwar sehr jung, aber es gibt bisher keine bestimmte Altersgrenze. Ich denke auch, dass man inzwischen ganz gut nach seiner aktiven Laufbahn eine Karriere in E-Sports einschlagen kann, das habe ich ja auch getan.