Die denkmalgeschützte Remise in der Waldemarstraße 37 in Berlin-Kreuzberg war früher mal eine Saftpresserei. Heute werden hier jedoch keine Äpfel mehr ausgequetscht, sondern frische Computerspiele produziert. Seit Juli dieses Jahres beherbergt das historische Fabrikgebäude aus dem 19. Jahrhundert das erste Indie-Kollektiv der Bundeshauptstadt – den Saftladen.

"Wir haben uns so genannt, weil wir uns nicht allzu ernst nehmen wollen", sagt Riad Djemili, Co-Gründer des Kollektivs und zusammen mit Johannes Kristmann Kopf des Entwicklerduos Maschinen-Mensch. "Und ein paar von uns stehen einfach auf schlechte Wortspiele", ergänzt Sebastian Mittag, einer der Geschäftsführer vom Studio Fizbin, das mit dem Adventure The Inner World im Jahr 2014 den Hauptpreis beim Deutschen Computerspielpreis gewonnen hat. Nach Jahren des erfolgreichen Alleingangs und einer langen Partner- und Standortsuche, empfinden sich die beiden Indie-Studios nun als ein "match made in heaven", wie sie sagen.

Denn einfach nur ein weiterer Coworking-Space soll der Saftladen nicht sein. "Wir wollen nicht nur in der Raucherpause zusammenstehen und ansonsten nichts miteinander zu tun haben", sagt Mittag. Zwar arbeiten alle Mitglieder des Kollektivs weiterhin an ihren eigenen Projekten, doch wird die individuelle Arbeit immer wieder von kreativem Austausch und gemeinsamen Aktionen unterbrochen. Dabei entstehen ganz von alleine Synergieeffekte.

Mehrspieler-Saftware

Natürlich hat der Saftladen auch eine ganz pragmatische Seite. Geteilter Arbeitsraum ist gerade für kleine Entwicklerstudios einfacher zu finanzieren. "Wir mussten von meinem Wohnzimmer aus arbeiten", beschreibt Djemili die Anfangssituation von Maschinen-Mensch. Gerade bei Besuch von Journalisten sei das doch etwas merkwürdig gewesen. Jetzt können sie ihr aktuelles Projekt, die Expeditionssimulation The Curious Expedition, im gemeinsamen Meetingbereich des Saftladens präsentieren. Und Studio Fizbin waren in Ludwigsburg eher isoliert vom Rest der Entwicklerszene. "Es war wenig direkter Kontakt mit Menschen möglich, die etwas Ähnliches machen wie wir", sagt Mittag.

Neben Maschinen-Mensch und Studio Fizbin arbeiten auch einzelne Freiberufler im Saftladen. Der gebürtige Italiener Lorenzo Pilia betreut unter anderem die Website BerlinGamescene.com und organisiert regelmäßige Gaming-Veranstaltungen in Berlin, etwa interne Saftladen-Game-Jams, bei denen das Kollektiv gemeinsame Spielideen entwickelt. Auf diese Weise entstand das Game Happy Hockey, bei dem theoretisch Hunderte Menschen gleichzeitig per Smartphone gegeneinander antreten können. Erstmals öffentlich vorgestellt wurde das Spiel wiederum auf dem diesjährigen Join – Local Multiplayer Summit, der von Pilia mit organisiert wird. Demnächst kann das Mehrspieler-Experiment auch im Game Science Center in Berlin ausprobiert werden.

Jeder Indie-Entwickler ist eine Bereicherung

Bei sehr großen Entwicklerstudios ist diese Form der kreativen Synergie kaum vorstellbar. Zu steil sind die Hierarchien und zu sehr wird die Kommunikation von durchstrukturierten Arbeitsprozessen oder Geheimhaltungsvereinbarungen eingeschränkt. Es dominieren Verlustminimierung und Furcht vor der Konkurrenz. Gute Computerspiele entstehen trotzdem, aber es zeigt sich immer öfter, dass die Industrie auch in einer kreativen Krise steckt. Erst vor wenigen Tagen kürzte die finnische Computerspielfirma Rovio 260 Mitarbeiterstellen. Der große Erfolg des Smartphone-Klassikers Angry Birds ließ sich in den letzten Jahren nicht wiederholen. Es fehlt an kreativen Impulsen abseits von blutleerer Detailveränderungen und der nötigen Flexibilität, um auf den immer wechselhafteren Markt zu reagieren.

Für Riad Djemili, der selbst sieben Jahre beim deutschen Entwickler Yager gearbeitet hat, ist die Möglichkeit des persönlichen Austauschs ein wichtiger Faktor für erfolgreiche Spielideen: "Im Indie-Bereich ist es erfrischend, dass man offen über Verkaufszahlen, Fördermöglichkeiten und Design-Herausforderungen reden kann." So lässt sich aus den Fehlern der anderen lernen und ebenso der eigene Erfolg mit allen teilen. Angst davor, sich die eigene Konkurrenz heranzuzüchten, hat das Kollektiv nicht. Jeder neue Indie-Entwickler ist eine Bereicherung und jedes erfolgreiche Spiel aus Berlin erzeugt Aufmerksamkeit für die lokale Szene. Auf diese Weise geht niemandem so schnell der Saft aus.