Liebe kann man sich nicht kaufen, aber man kann sie sich erspielen. Nichts anderes wollen fünf Menschen aus Südkorea, die nach Berlin reisen, um einmal auf der ganz großen Bühne aufzutreten. Nur einmal, sagten sie im Vorfeld, sollen die Menschen ihren Namen rufen, ihnen zujubeln, sie anfeuern. Mit ihren großen Brillen und den wuschigen Frisuren könnten sie problemlos eine Boyband sein, aber ihre Finger gleiten nicht über Gitarrensaiten, sondern über Tastaturen. Sie nennen sich KOO Tigers, und neben dem bisschen Fanliebe wollten sie die Weltmeisterschaft in League of Legends gewinnen, einem kompetitiven Computerspiel, das weltweit Millionen Menschen spielen.

Die Fans verfolgten in den vergangenen Wochen den Weg der KOO Tigers und der anderen Teilnehmer ganz genau. Die besten Teams aus allen Regionen spielten zunächst die Gruppenphase aus, anschließend fanden Viertel- und Halbfinale in London und Brüssel statt. Die beiden besten Teams qualifizierten sich für das Finale in Berlin, für Worlds, wie das wichtigste Turnier in der Szene von League of Legends auch genannt wird. Die Tickets waren innerhalb von zwei Minuten ausverkauft. In mehr als 20 Sprachen wird das Finale im Netz übertragen, für alle, die nicht in der Mercedes-Benz-Arena dabei sein können.

Aber was sind das eigentlich für Menschen, die Geld ausgeben, um anderen Menschen beim Videospielen zuzugucken? Der erste Eindruck: Es sind junge Menschen, aber weniger jung als gedacht. Es sind viele Männer, aber die Frauenquote ist höher als erwartet. Es gibt Kostüme, aber es ist kein Karneval und auch – trotz des Datums –  kein Halloween. Da sind die vier Freunde aus der Ukraine, auf deren T-Shirts Gamer-Zitate wie "REKT" stehen. Der Papa mit seinen zwei minderjährigen Söhnen, der kurz vor der Eröffnung eine Bockwurst kaut und vergnügt einer Gruppe Südkoreanerinnen hinterherguckt, die mit grünen Plüschmützen auf dem Kopf fleißig Selfies knipsen. In der Halle stimmen derweil effektreiche Videos auf riesigen Bildschirmen auf das Finale ein, während die Moderatoren und Kommentatoren in schicken Anzügen mit bunten Krawatten ihre Tipps abgeben.

Ein Superstar namens Faker

Auf die KOO Tigers setzt keiner der Experten. Das Team ist, um es mit den klassischen Sportphrasen zu sagen, der Underdog. Erst vor einem Jahr hat sich die Mannschaft formiert, und dass sie es überhaupt bis in das Finale von Worlds schafften, ist schon eine kleine Sensation. Im Halbfinale schlugen sie den europäischen Favoriten Fnatic mit 3:0, und dass sie trotzdem weder als Favorit noch als Geheimtipp gelten, liegt vor allem an ihrem Gegner SK Telecom, gewissermaßen dem FC Bayern in League of Legends. Ebenfalls aus Südkorea kommend, gilt SKT als das zurzeit stärkste Team der Welt – 17:0 lautet ihre Bilanz vor dem Finale. Vor zwei Jahren gewannen sie das Turnier bereits und könnten nun als erstes Team überhaupt den Erfolg wiederholen.

Dass SKT so erfolgreich ist, liegt auch an Lee Sang-hyeok, besser bekannt als Faker. Der schmächtige, leise auftretende 19-Jährige ist der Superstar der Szene. Mädchen himmeln ihn an, andere Spieler bewundern seine Fähigkeiten. Als er gemeinsam mit seinem Team die Bühne in der Mitte der Arena betritt, begrüßt ihn die Menge mit tosendem Applaus. Die KOO Tigers, allesamt in Sneakers und grauen Hoodies bekleidet, wissen: Um die WM zu holen, müssen sie nicht nur, aber vor allem Faker schlagen.

Also denn: die Hoodies aus, Kopfhörer auf, die Hände noch einmal kurz warmgerieben und dann geht es los, das erste von maximal fünf Spielen. Zu Beginn jeder Partie findet zunächst der sogenannte Draft statt: Jeder Spieler wählt eine Spielfigur mit besonderen Fähigkeiten, den Helden, aus. Die Wahl der fünf Helden muss gut abgestimmt sein, sowohl auf die eigene Rolle im Team als auch auf die Wahl der Gegner. Wer sich verschätzt, hat im Verlauf des Spiels kaum Chancen auf den Sieg. Der besteht darin, die gegnerische Basis zu zerstören und auf dem Weg dorthin möglichst viele gegnerische Helden ins Jenseits zu befördern.

M wie Moba

M wie Moba

...vom Mod zum Mainstream

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Games-Glossar

Moba, das

steht als Abkürzung für "Multiplayer Online Battle Arena", ein Genre aus dem Bereich der Echtzeit-Strategiespiele, bei dem sich zwei gegnerische Teams aus mehreren Spielern auf einer Map (der "Arena") gegenüberstehen.

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Alle Mobas teilen sich zentrale Spielmechaniken. So unterschiedlich die einzelnen Spiele im Detail sein mögen, die Grundprinzipien sind stets ähnlich und unterscheiden sich von klassischen Echtzeit-Strategiespielen.

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Entwickler: Riot Games. Erschienen: 2009. Aktive Spieler: circa 70 Millionen pro Monat

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Der Underdog knurrt

Klingt simpel, ist aber taktisch hochkomplex; ein Katz-und-Maus-Spiel von durchschnittlich 40 Minuten Länge, das sich häufig im Verlauf mehrmals dreht. In den ersten Minuten tasten sich die KOO Tigers und ihre Landsleute von SKT ab, die Helden laufen, springen, tanzen förmlich zwischen den computergesteuerten Schergen hin und her und warten auf den richtigen Moment. Der kommt nach etwa fünf Minuten: KOO Tigers gelingt es, einen Helden von SKT zu legen – "First Blood" hallt es durch die Arena, und die ersten Zuschauer jubeln für den Underdog.

Die Euphorie hält nur kurz an. Schon wenige Minuten später kann SKT kontern und den Spielstand auf 4:2 drehen. Marin, der zweite Star im Team von SKT, schleicht sich von hinten an und überrascht die KOO Tigers. Von diesem Hinterhalt profitiert vor allem Faker, der in seinem Teil der Karte plötzlich nahezu ungestört ist und immer mehr Gold und Erfahrungspunkte sammeln kann. Nach knapp 40 Minuten fällt die Basis der KOO Tigers und während einige Fans noch "Faker, Faker" rufen, haben beide Teams die Bühne schon wieder verlassen. Fachmännische Einigkeit auf den Rängen: So wird das nichts mit der Sensation.