Wer sich diese Woche in die geschlossene Beta des Multiplayer-Shooters Overwatch stürzt, muss gute Reflexe mitbringen und darf sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen lassen. Wobei das leichter gesagt ist als getan: Die Mitspieler wandern mit riesigen Energieschutzschilden umher, katapultieren sich mit Jetpacks und Raketenwerfern durch die Luft, Cowboys werfen mit Blendgranaten um sich und Kämpferinnen manipulieren Raum und Zeit. Es ist bunt, es ist hektisch und nicht selten kommt es vor, dass man sich fragt, was zur Hölle eigentlich gerade passiert ist.

Die Beta-Phase von Overwatch wird von der Fachpresse und Shooter-Fans genau verfolgt. Das liegt auch am Entwickler Blizzard, der mit Strategie- und Rollenspielen wie World of Warcraft, Diablo und StarCraft bekannt wurde, zuletzt aber mit Ausflügen in andere Genres überraschte, etwa mit dem Kartenspiel Hearthstone oder Heroes of the Storm, in dem Charaktere aus dem Blizzard-Universum gegeneinander antreten. Mit Overwatch präsentiert Blizzard nun erstmals einen Shooter, der gleichzeitig einen Einblick in die Zukunft des Genres offenbart.

18 Spielfiguren mit jeweils vier unterschiedlichen Fertigkeiten gibt es in Overwatch. Klassische Soldaten, futuristische Roboter, grazile Kämpferinnen und ein Gorilla namens Winston gehören dazu. Jeder Held hat seine Rolle im Team, manche sprinten an die Front und locken die Gegner aus der Reserve, andere helfen als Heiler in den Gefechten, wieder andere bleiben im Hintergrund und versuchen sich als Scharfschütze. Nur wer in seinem Team die richtige Zusammensetzung findet, geht als Sieger vom Schlachtfeld.

Der Einfluss der Mobas

Verschiedene Helden, unterschiedliche Fertigkeiten, ein Levelsystem, eine Arena – das klingt verdächtig nach dem Erfolgsrezept eines anderen Genres, das in den vergangenen Jahren große Erfolge feiern konnte. Multiplayer Online Battle Arenas, kurz Mobas, zählen dank Titeln wie League of Legends oder Dota mittlerweile zu den beliebtesten Spielen überhaupt. Dass sie nun offenbar auf andere Genres abfärben, scheint nur konsequent, auch wenn die Entwickler der kommenden Taktik-Shooter das nur zögerlich zugeben.

"Wir gucken, was den Spielern gefällt und bringen das in unsere Games", umschreibt es Randy Varnell, Kreativdirektor von Gearbox Software, im Gespräch mit Polygon. Gearbox entwickelt mit Battleborn den zweiten hochrangigen Multiplayer-Shooter, der ebenfalls in diesen Tagen in die Beta-Phase geht und nächstes Jahr erscheinen soll.

Die Gemeinsamkeiten mit Overwatch sind offensichtlich, ebenso wie die Anleihen bei Mobas: Battleborn wird zum Start 25 Helden mit eigenen Fähigkeiten und Items anbieten, weitere sollen später folgen. Während der Partien können die Spieler nach und nach Fertigkeiten freischalten und werden somit immer stärker. Mehrere Multiplayer-Modi stehen zur Auswahl. Im Modus "Incursion" etwa muss jedes Team mithilfe computergesteuerter Schergen die gegnerische Basis zerstören – das erinnert vom Grundprinzip her an League of Legends oder Dota, kann aus der Egoperspektive aber reichlich chaotisch sein, schreiben die Tester von Polygon.

Auf der Suche nach Persönlichkeit

Ein bisschen Chaos passt zum Anspruch von Battleborn. Wie Varnell sagt, versucht Gearbox mit dem Spiel in erster Linie, auf dem Erfolg der hauseigenen Serie Borderlands aufzubauen. Die überraschte in den vergangenen Jahren mit ihrer Mischung aus Comic-Grafik, überdrehtem Humor und schier endlosen Waffen- und Gegnerkombinationen – eine Mischung, die es auch in Battleborn geben soll. Während sich die Welt und die Physik von Overwatch zumindest grob an der Realität orientieren, wirkt Battleborn wilder, anarchischer. Aber eben auch anders als viele Multiplayer-Shooter der vergangenen Jahre.

Lange Zeit stand das Genre synonym für Serien wie Call of Duty, Counter-Strike, Battlefield oder Halo: Wahlweise pseudo-realistische oder Science-Fiction-Welten, in denen schwerbewaffnete Männer mit einem großen Arsenal an automatischen Waffen gegeneinander antraten. Selbst jüngere Versuche wie Destiny oder Titanfall mit ihren Rollenspielelementen konnten nicht darüber hinwegtrösten, dass die Figuren in Multiplayer-Shootern nicht gerade vor Persönlichkeit strotzten. Da jeder Spieler mehr oder weniger die gleichen Mittel zur Verfügung hat, ist die Spielfigur in vielen Fällen zweitrangig.