Etwa fünfzig Menschen stehen Schlange in der Frankfurter Festhalle. Sie halten Poster und T-Shirts in der Hand, viele haben das Smartphone gezückt. Manch einer stellt sich ungeduldig auf die Zehenspitzen, um einen Blick zu erhaschen. In wenigen Minuten erscheinen die Evil Geniuses (EG) zur Autogrammstunde. Das nordamerikanische Team hatte im August den inoffiziellen WM-Titel in Dota 2 gewonnen und mehr als sechs Millionen US-Dollar verdient. Entsprechend gefragt sind sie unter den Zuschauern des Turniers Frankfurt Major, das am vergangenen Samstag nach einer Woche zu Ende ging. "Die sehe ich ja sonst nur bei Twitch!", sagt ein junger Fan in der Schlange.

Wer Teams wie EG in dieser Zeit persönlich näher kommen will, hat nur wenige Chancen. Die Spieler sind während des Turniers fast vollständig isoliert vom Publikum; auf der Bühne während der Partien sitzen sie in schallisolierten Kabinen vor ihren Bildschirmen. Selbst Pressevertreter haben es schwer, an die Profis heranzukommen und halten sich stattdessen an die Kommentatoren. Feste Interview-Termine oder Pressekonferenzen gibt es nicht, auf expliziten Wunsch des Veranstalters und Spieleentwicklers Valve. Charlie Yang, Team-Manager von EG, erklärt, die Spieler geben generell keine Interviews, auch nicht in den nächsten Tagen. Es ist ein Rarmachen wie unter Fußballspielern und ein Zeichen für den Wandel der E-Sports-Szene.

Zwischen Energydrinks und Gaming-PCs

Im Gegensatz zur pompös ausgestatteten Bühne mit zwei Kamerakränen, Licht- und Showeffekten und vier gigantischen HD-Leinwänden sieht es Backstage allerdings eher spartanisch aus. Etwa einhundert Meter hinter der Festhalle sind die sechzehn internationalen Teams in Halle 5 untergebracht. Unauffällige weiße Messewände grenzen die Team-Räume voneinander ab. Zweieinhalb Meter große Pflanzen auf den markierten Wegen nehmen der Halle zumindest ein wenig die Sterilität und begrenzen das nicht einmal zur Hälfte ausgefüllte Areal.

Damit man sieht, welches Team wo untergebracht ist, hängen neben jeder Türe Kreidetafeln mit den Namen. Wer einen Blick in die offenen Türen wirft, sieht Jacken und Taschen herumliegen, Kühlschränke voller Energy-Drinks und natürlich vollausgestattete Gaming-PCs. Die Zimmer erinnern an LAN-Partys aus den Neunzigern im Mini-Format, nur stärker ausgeleuchtet und mit weniger Kabel-Wirrwarr.

Wenn die Mannschaften nicht gerade ein offizielles Match austragen, findet man sie genau hier. Sie trainieren sowohl an spielfreien Tagen als auch vor ihren Pflichtspielen. Für das leibliche Wohl sorgt eine Cafeteria innerhalb der Halle, die auch ein Mittag- und Abendessen für die Spieler und Crew bereithält. Eine kleine Lounge mit zwei 50-Zoll-Fernsehern, auf denen das Event übertragen wird, ergänzt die Kulisse, wird aber eher selten aufgesucht. Das Training geht vor.

Evil-Geniuses-Spieler Peter "ppd" Dager während der Autogrammstunde. © Konstantin Winkler

Die Teams wollen Mitspracherecht

Üblicherweise trainiert ein Profispieler etwa acht bis zehn Stunden am Tag. In den Vorbereitungsphasen zu Wettbewerben wie dem Frankfurt Major sind die Teams meistens in einem Gaming-House untergebracht, um sich persönlich  auszutauschen. Oft wird aber auch nur online gespielt. Durch die immer ansteigende Dichte an Turnieren gibt es fast jeden Tag für die Teams Qualifikationsspiele und Freundschaftsspiele. Für die Fans ist das ein Vorteil; spielfrei wie in anderen Sportarten ist in Dota 2 praktisch nie. Den Teams aber sind vor allem die weniger lukrativen Onlineturniere immer häufiger ein Dorn im Auge.

Bisher mischten sich die Teams nicht in die Organisation der jeweiligen Veranstaltungen und den Kalender ein. Sie nahmen das, was für sie vorgesehen war. Das dürfte sich bald ändern. Mit der zunehmenden Professionalisierung des E-Sports haben sich zehn Top-Teams vor gut einem Monat zu einer "Team Union" zusammengeschlossen, einer Art E-Sports-Interessensverband.

In einem Brief an die großen Veranstalter der Szene formulierten Teams wie Natus Vincere, fnatic oder Team Liquid künftig für sie verbindliche Teilnahmebedingungen in den Spielen Dota 2 und Counter-Strike: Global Offensive. Werden sie nicht erfüllt, wollen die Teams des Verbands Einladungen zu Turnieren absagen. Geregelt werden in diesem Schreiben neben einem Minimum-Preisgeld (zwischen 75.000 und 100.000 US-Dollar), Auszahlungsmodalitäten, Anzahl der Hotelzimmer und Reisekosten auch banale Dinge. Etwa eine separate Toilette, zu der Besucher keinen Zutritt haben.