Die unendlichen Weiten des Weltraums gibt es in Computerspielen meist nur häppchenweise. Mal darf man Raumschiffe zusammenbauen, mal darf man sie fliegen, mal darf man sich als Weltraumsoldat auf entfernten Planeten herumschlagen. Eine Rund-um-die-Uhr-Simulation des Astronautenalltags aber fehlt noch.

Game-Designer Chris Roberts will genau das ändern. Sein Crowdfunding-Großprojekt Star Citizen soll alles auf einmal bieten: nicht nur ein Science-Fiction-Universum, in dem Abertausende Spieler miteinander Handel treiben, kämpfen, um die Wette fliegen und neue Inhalte erschaffen. Sondern auch eine Einzelspieler-Kampagne (Squadron 42) mit packender Story, inspiriert von Roberts' Neunziger-Jahre-Hit Wing Commander. All das erleben Spieler aus der Ich-Perspektive: Sie sollen voll und ganz ins Astronautenleben eintauchen.

So jedenfalls sehen die Pläne für Star Citizen aus. Doch mehr als vier Jahre nach dem Start des Projekts ist es noch weit von seiner Fertigstellung entfernt. Den ursprünglich geplanten Erscheinungstermin 2014 konnte Roberts' Firma Cloud Imperium Games nicht einhalten. Stattdessen durften die Crowdfunder nach und nach einzelne, aber noch unfertige Spielbestandteile ausprobieren – etwa das Hangar-Modul, das eigene Raumschiffe begehbar machte (2013), oder auch den Schlachtensimulator Arena Commander von 2014. Derweil sammelte das Projekt eifrig Crowdfunding-Gelder: Erst über Kickstarter, dann über die Website von Roberts Space Industries.

100 Millionen durch Crowdfunding

Mitte Dezember erreichte Star Citizen 100 Millionen US-Dollar Crowdfunding-Kapital. Erzielt wurden die Einnahmen vor allem durch den Verkauf von Starter-Packages, Raumschiffen und Merchandise-Produkten. Die 100 Millionen sind deutlich mehr, als andere schwarmfinanzierte Games bisher eingesammelt haben. Mit der Summe und Entwicklungsdauer wächst aber auch die Kritik an den Machern: Die Vorwürfe reichen von Missmanagement über Verschwendung bis Betrug. In zahllosen Foren und Kommentarspalten diskutieren Spielefans darüber, ob Roberts sich mit dem Projekt verhoben hat, ob Star Citizen jemals fertig wird – oder ob die Crowdfunder vielleicht sogar einem scam, einem Schwindel, aufgesessen sind.

Längst geht es nicht mehr nur darum, was aus Star Citizen wird. Sondern ganz grundsätzlich um die Frage, ob schwarmfinanzierte Spiele dieser Größenordnung erfolgreich sein können. Mit dreistelligen Millionensummen hantieren normalerweise nur Publisher von AAA-Blockbustern, sei es nun Destiny, GTA V oder Max Payne 3. Solche Spiele entstehen meist unter großer Geheimhaltung, jeder Screenshot oder Trailer wird von den Fans begierig aufgesogen, die einzelnen Produktionsschritte sind verborgen, der Konsument zahlt seine 60-70 Euro und vielleicht noch etwas Geld für spätere Downloadinhalte.

Crowdfunding-Projekte sind – zumindest theoretisch – der Gegenentwurf: Die Spieler werden stark in die Entwicklung einbezogen und beeinflussen mit ihren Investitionen, welche Bestandteile überhaupt verwirklicht werden. Crowdfunding lebt also von der Idee, dass es bessere, weil den Spielerwünschen entsprechende, Games hervorbringt. Dass die Spieleproduktion letztendlich demokratischer wird.