Ein Kind stirbt an Krebs und man kann nichts dagegen tun. That Dragon, Cancer ist kein leicht zu konsumierendes Computerspiel und gleichzeitig ein stiller Hoffnungsträger für die Zukunft des Mediums. Es hebt sich von den meisten anderen Games ab, wie ein Requiem von Karnevalsmusik. Die Drachen, die hier bekämpft werden, sind realer und schrecklicher als gewohnt.

That Dragon, Cancer ist ein autobiografisches Spiel. Das Kind heißt Joel Evan Green und ist der Sohn von Amy und Ryan Green. Im Alter von gerade einmal einem Jahr wird bei ihm ein aggressiver Hirntumor diagnostiziert. Drei Jahre später, nach intensiver aber erfolgloser Chemotherapie, stirbt Joel.

Irgendwann zwischen der Krebsdiagnose und dem Tod seines Sohnes beschließt der Programmierer Ryan, seine Trauer und die zunehmende Hoffnungslosigkeit mit einem Computerspiel zu verarbeiten. That Dragon, Cancer soll ein Kampf gegen den bohrenden Zweifel an der Genesung werden und schließlich, nach Joels Tod, ein bleibendes Monument sein.

Unterstützt wird Ryan von seiner Frau Amy, die dem Spiel als Autorin und Sprecherin ihre Stimme leiht sowie von dem Indie-Entwickler Josh Larson. Eine begleitende Dokumentation und eine geglückte Crowdfunding-Kampagne folgen, nachdem erste öffentliche Demonstrationen des Prototyps sowohl für große Betroffenheit als auch für positive Resonanz sorgen. Joels Kampf gegen den Drachen in seinem Kopf lässt niemanden kalt.

Tränen der Ohnmacht

Etliche Anekdoten berichten von Spielern, die beim Ausprobieren von That Dragon, Cancer in Tränen ausbrechen. Anfang der 1980er Jahre hat eine Werbeanzeige des heutigen Publishing-Riesen Electronic Arts noch rhetorisch gefragt, "can a computer make you cry?" Menschen zum Weinen zu bringen, gilt als pauschaler Lackmustest für künstlerisches Potenzial.

Aber mit einer Geschichte wie der von Joel müssten schon größtmögliche Dilettanten am Werk sein, um wirklich niemandem eine Träne abzuringen, ganz egal mit welchem Medium. Und in den ersten Momenten von That Dragon, Cancer scheint es tatsächlich so, als würde das Spiel seine eigene Medialität völlig verleugnen und auf bloße Sentimentalität setzen. Die Rolle des Spielers ist minimal.

Wie bei einem extrem linearen Point-und-Click-Adventure folgt ein narrativer Happen auf den nächsten. Die Spieler sitzen mit Joel am Ententeich. Sie werfen Brotkrumen in das Wasser und erfahren, Stück für Stück, dass Joel, als Folge seines Hirntumors, nicht richtig sprechen kann. Auch das Computerspiel scheint seine Sprache noch nicht gefunden zu haben; es könnte sich auch um einen emotionalen Film handeln.

Kunst und Kontrollverlust

Statt Wirkmacht herrscht Ohnmacht. Das ist eigentlich eine Frechheit, zumindest wenn man Computerspiele auf das Zauberwort der Interaktivität begrenzen möchte. Doch mit jeder weiteren, kunstvoll illustrierten Vignette aus dem Leben der Familie Green wird deutlich, dass That Dragon, Cancer genau weiß, was es tut und was nicht. Etwas anderes als Ohnmacht kann man bei der Konfrontation mit Joels Schicksal auch nicht empfinden.

"I'm sorry guys, it's not good", bestätigt der behandelnde Arzt, während sich der Raum mit Wasser füllt. Der Krebs zeigt sich resistent gegen die Chemotherapie. Medizinisch ist der Drache nicht mehr zu besiegen. Jetzt gibt es keine Wahrscheinlichkeitswerte und keine Messungen mehr, die ein Gefühl von Kontrolle ermöglichen und ihn vor dem Ertrinken bewahren.

Im Forum des Spiels auf der Plattform Steam fordern die ersten Spieler ernsthaft Achievements und Sammelkarten. Oder sie sprechen That Dragon, Cancer empört den Status als Spiel ab, reden sogar von geschmackloser Ausbeutung einer Tragödie. Machtlosigkeit schmerzt und macht wütend. Aber das Spiel bietet ganz bewusst wenig an, das Joels sicheren Tod irgendwie fassbarer machen könnte.