Der Shooter "Doom" stand von 1994 bis 2011 auf der Liste für jugendgefährdende Medien. © Screenshot

Der Ausdruck "Killerspiele" findet sich in der Pressedatenbank erstmals unter dem Datum 20.12.1993. In einem Spiegel-Artikel mit dem Titel Zwitter und Zombies geht es unter anderem um das Kampfspiel Mortal Kombat und die damalige Debatte über gewaltverherrlichende Spiele. Im Text findet sich eine überraschende Passage: "'Je differenzierter die Studien, desto geringer sind die tatsächlich nachgewiesenen Effekte', sagt der Freiburger Soziologe Klaus Neumann-Braun. Denkbar scheint allenfalls, dass Killerspiele dann Einfluss auf Kinder haben, wenn die auch wirkliche Gewalt erleben."

Experten waren also bereits vor 23 Jahren der Ansicht, dass Videospiele Jugendliche nicht automatisch zu Gewalttätern machen. Nicht mal, wenn darin Menschen auf andere Menschen schießen, sich gegenseitig vermöbeln und hin und wieder etwas Pixelblut spritzt. Die Debatte war aber nicht damit beendet, im Gegenteil. Spätestens als der damalige bayerische Innenminister Günther Beckstein (CSU) um die Jahrtausendwende ein rigoroses Verbot "sogenannter Killerspiele" forderte, wurde sie ein Politikum.

In der dreiteiligen Dokumentation Killerspiele nimmt sich ZDFinfo der "Killerspiel-Debatte" an. Der Journalist Christian Schiffer, der auch das Games-Magazin WASD herausgibt, begibt sich zunächst auf Spurensuche: Wie genau begann der Streit um die mutmaßlichen "Killerspiele" und wie kam überhaupt die Gewalt in die Spiele? Der erste Teil der Dokumentation läuft am morgigen Samstag um 23:15 Uhr auf ZDFinfo, in der Mediathek ist die erste Folge schon verfügbar. Die Ausstrahlungstermine für die beiden weiteren Teile stehen noch nicht fest, sie sollen sich inhaltlich mit der jüngeren Vergangenheit beschäftigen.

Spurensuche in der Games-Geschichte

Die erste Folge steigt dagegen tief in die Historie ein, genauer gesagt im Jahr 1976. Vier Jahre nachdem mit Pong das erste, weltweit populäre Videospiel auf den Markt kam, hatte die Games-Branche nämlich ihre erste Gewaltdebatte. Im Automatenspiel Death Race mussten die Spieler mit einem Auto Strichmännchen überfahren. Untote "Gremlins" seien das gewesen, sagten die Entwickler. Angesichts der monochromen Pixelgrafik aber konnte man sie schon mit Menschen verwechseln – wenn man denn wollte. Der TV-Sender CBS widmete dem Spiel einen Beitrag und auch die Verbraucherschützer des National Safety Council schalteten sich ein. Ihr Urteil: Death Race sei "krank, krank, krank".

Der Fall von Death Race soll zeigen, wie lange es bereits Debatten um Gewaltdarstellungen in Games gibt. Sie begleiten die Entwicklung der Spielebranche praktisch seit ihren Anfängen und sind für einige grundlegende Entscheidungen verantwortlich. 1984 etwa landete in Deutschland mit River Raid das erste Videospiel auf dem Index, weil die Spieler mit einem Flugzeug gegnerische Schiffe versenken mussten – es durfte daraufhin nicht mehr verkauft oder öffentlich angeboten werden. Ein Jahr später sorgte ein neues Jugendschutz-Gesetz dafür, dass sämtliche Automatenspiele in den Hinterzimmern verschwanden, ungeachtet davon, ob sie in irgendeiner Form gewalttätig waren oder nicht.

Die neunziger Jahre entfachten die Diskussion erneut. Spiele wie Wolfenstein 3D und Doom versetzten die Spieler in die Ich-Perspektive und sorgten für ein komplett neues Spieleerlebnis, ein realistischeres und damit ungleich gefährlicheres, jedenfalls in den Augen der Jugendschützer. In Deutschland wurde Doom 1994 indiziert, seinem Erfolg tat es keinen Abbruch: Es begann die Ära der Ego-Shooter – und mit ihr die bis heute andauernde "Killerspiel-Debatte".