Am kommenden Donnerstag wird zum achten Mal der Deutsche Computerspielpreis (DCP) verliehen. Was vor zehn Jahren noch unmöglich schien, ist mittlerweile normal: Digitale Spiele werden in Deutschland als Teil des kulturellen Lebens betrachtet und entsprechend gefördert.

Doch wie die Liste der in diesem Jahr nominierten Spiele nahelegt, sind die Förderinstrumente nur so gut, wie sie auch mit Mut zum kreativen Risiko eingesetzt werden. Auf der Shortlist befinden sich viele gute Computerspiele, aber kaum eines, das aus der Masse heraussticht. Das ist das erste Problem des DCP in diesem Jahr.

Die Geburtswehen um nominierte oder ausgezeichnete "Killerspiele" beim DCP sind vorüber. Mit den zuletzt im Januar 2015 überarbeiteten Qualitätskriterien des DCP gehören Debatten über fragwürdige Inhalte der Vergangenheit an. Wo vorher der kulturelle und vor allem der pädagogische Wert zwingend waren, sind sie nun zwei Kriterien unter vielen.

Alleinstellungsmerkmal: Made in Germany

Das erlaubt der vielfältig besetzten Fachjury einerseits deutlich mehr Freiheit bei der Auswahl der Preisträger. Andererseits sind die Qualitätskriterien jetzt schwammig bis zur Gleichgültigkeit und viele Nominierungen entsprechend beliebig. Davon ausgenommen sind lediglich spezialisierte Kategorien wie Bestes Nachwuchskonzept oder Beste Innovation. Das ist das zweite Problem des DCP.

Laut der Vergabevereinbarung kann etwa kultureller und künstlerischer Wert sowohl bedeuten, dass in einem Spiel gesellschaftliche Themen gelungen angesprochen werden, als auch, dass die audiovisuelle Qualität hoch ist. Letzteres findet sich paraphrasiert aber ebenso bei den Kriterien "Technik und Innovation" wieder.

Und selbst wenn ein Spiel weder künstlerischen, pädagogischen noch technischen Qualitätskriterien gerecht wird, bleiben "Spielspaß und Unterhaltung" als universell einsetzbare Allgemeinplätze. Alles ist möglich – Hauptsache es ist made in Germany.

Was nicht passt, wird passend gemacht

Ein paar Beispiele: In Between der Trierer Entwickler Gentlymad ist eine Hommage an erfolgreiche Puzzle-Plattformer wie VVVVVV oder And Yet It Moves und erzählt darüber hinaus eine emotionale Geschichte über Tod und Sterblichkeit. Das hat dem Spiel eine Nominierung als Bestes Serious Game eingebracht – neben einem Lernspiel für Skat und einem pädagogischen Echtweltspiel für Schulklassen.

Seinen Platz könnte In Between ebenso mit dem Text-Adventure One Button Travel tauschen, das sich mit der Flüchtlingsthematik auseinandersetzt. Das Spiel des unabhängigen Studios TheCodingMonkeys ist jedoch als Bestes Jugendspiel nominiert. Es entsteht der Eindruck, als ginge es vor allem darum, unter den mehr als 300 eingereichten Computerspielen überhaupt genug geeignetes Material für alle Preiskategorien zu finden.

Damit es passt, wird hier und da ein Auge zugedrückt. Mit Deponia Doomsday und Anno 2205 sind jedenfalls zwei Spiele, deren Vorgänger und Ableger schon mehrfach nominiert und ausgezeichnet wurden, erneut in hoch dotierten Kategorien zu finden, unter anderem der für den Hauptpreis. An der großen Originalität der Franchise-Updates kann es nicht liegen.

Das Branchen-Klima lässt wenig Raum für kreative Risiken

Prioritäten beim Deutschen Computerspielpreis 2015: Die Politiker und Laudatoren versperren den Blick auf die Preisträger. © GETTY IMAGES/ Franziska Krug

Der Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU) schlug bereits im vergangenem Jahr Alarm: Zwar entwickle sich Deutschland als Markt für Computerspiele prächtig, aber heimische Produktionen fänden weniger Absatz und Beachtung. Erfolgreiche deutsche Entwickler wie die Goodgame Studios verdienen vor allem an generischen Spiele-Apps mit dem Free2Play-Geschäftsmodell. Der schwächelnde Online-Game-Produzent Bigpoint wiederum wurde jüngst für 80 Millionen Euro nach China verkauft.

Das derzeitige Branchen-Klima lässt wenig Raum für kreative Risiken und damit für überraschende DCP-Preisträger. Der BIU hofft in dieser Situation vor allem – und im internationalen Vergleich durchaus zu Recht – auf mehr staatliche Subventionen. Die vorhandenen Fördermittel werden jedoch eher zur Stabilisierung des Status quo genutzt als für disruptive Innovationen. Anders als etwa in der freien Theaterszene müssen sich die jungen Kreativen an bewährten Rezepten orientieren, um die eher an Wirtschaftlichkeit orientierten Bedingungen der Fördertöpfe erfüllen zu können.

Die industrienahe Ausbildungslandschaft trägt zum Problem bei: Sabine Hahn, Dozentin an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft in Köln, spricht in ihrem Gastbeitrag auf dem Games-Career Blog davon, dass der Nachwuchs an den privatwirtschaftlichen Ausbildungsstätten zu oft die kurzfristigen Bedürfnisse der Branche und zu selten eine Selbstreflexion der eigenen Praxis vermittelt bekommt. Eine ganzheitliche und hochwertigere Ausbildung könnte laut Hahn positive Effekte auf den Erfolg und die Bedeutung von in Deutschland entwickelten Spielen haben.

"Habt Ihr alle Spaß?"

Das soll nicht den Eindruck erwecken, dass hierzulande nicht bereits herausragende Computerspiele produziert werden. Nur zeigt die kurze Geschichte des DCP auch, dass die Abweichung von der Norm es schwer hat, Preise zu gewinnen. Der für seine gewaltkritische Botschaft gelobte und bewusst irritierende Shooter Spec Ops: The Line musste sich 2013 dem harmloseren Chaos auf Deponia geschlagen geben.

2014 wurde für The Day The Laughter Stopped, ein Text-Adventure über eine versuchte Vergewaltigung, überraschend ein Sonderpreis geschaffen – jedoch nur halb so hoch dotiert wie die ursprüngliche Kategorie Bestes Serious Game. Beiden Spielen mangelte es offenbar am Qualitätskriterium Spielspaß und mutmaßlich an einer unverfänglichen Fotogelegenheit für die anwesenden Politiker.

Dass Computerspiele Spaß machen dürfen, ist selbstverständlich. Dass sie Spaß machen müssen, ist hingegen ein Missverständnis. Als auf der DCP-Gala 2014 die Moderatorin Funda Vanroy nach dem Sonderpreises an The Day The Laughter Stopped ins Publikum rief "Habt Ihr alle Spaß?", ging sie wohl nicht ganz zu Unrecht davon aus, dass sich der DCP fest in braver Unterhaltung eingerichtet hat.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Es ist gut, dass es den DCP gibt. Besonders für kleine, unabhängige Entwicklungsstudios kann er neben Anerkennung auch finanzielle Mittel für mutigere Projekte mit sich bringen. Aber auch im achten Jahr seines Bestehens ist nicht mit großen Überraschungen zu rechnen. Akzente setzt der DCP nach wie vor nicht.