Sollte E-Sport als offizielle Sportart anerkannt werden? Ein aktuelles Gutachten aus dem Berliner Abgeordnetenhaus argumentiert dagegen und sorgte damit vergangene Woche für Diskussionen in der deutschen E-Sport-Szene. Dass sich elektronischer und traditioneller Sport deshalb nicht ausschließen müssen, zeigt nun der FC Schalke 04: Ab sofort besitzt der Sportverein aus Gelsenkirchen ein eigenes Profiteam in League of Legends.

Bereits vor zwei Wochen gab es Gerüchte um die E-Sport-Pläne auf Schalke. Inzwischen wurde bestätigt, dass der Verein das frühere Team Elements übernimmt. "Wir sehen uns als Vorreiter in einer Sportart der Zukunft. Wir haben das nicht kurzfristig entschieden, sondern nach langen Überlegungen und Analysen in den vergangenen Monaten", sagte Moritz Beckers-Schwarz, Vorsitzender der Geschäftsführung des FC Schalke 04, während der Pressekonferenz am Donnerstag. Das Team in League of Legends soll genauso in den Verein integriert sein wie alle anderen Abteilungen, das betreffe sowohl die medizinisch-sportliche Betreuung der Spieler als auch die Jugendarbeit in Form eines Nachwuchsteams, das auf dem Trainingsgelände in Gelsenkirchen trainieren wird.

Vier der fünf Spieler, die bislang bei Team Elements spielten, tragen künftig die königsblauen Trikots. Lediglich auf einer Position hat sich das Team um einen neuen Spieler ergänzt. Unter dem Namen Schalke 04 wird es ab Juni in der europäischen League Championship Series (LCS) antreten. Die Liga wird direkt vom Entwickler Riot Games veranstaltet und ist gewissermaßen die Champions League in League of Legends: Die Teams treten an mehreren Spieltagen gegeneinander an und die Besten können sich am Ende über Playoffs für die Weltmeisterschaft qualifizieren.

Der erste Bundesligaverein mit einem E-Sport-Team

League of Legends soll nur der erste Schritt für Schalke ins E-Sport-Geschäft sein. Jacob Toft-Andersen, Manager des Teams und früherer Dota-Profi, schrieb auf Reddit, dass der Verein künftig auch Teams in anderen Spielen stellen möchte, darunter auch in Dota 2. Während der Pressekonferenz bestätigte er, dass man "mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit" weitere Titel aufnehmen werde. Die nächste Ankündigung soll ein Fifa-Team betreffen, auch den kommenden Multiplayer-Shooter Overwatch habe man im Auge. Gerade Fifa soll ein Schritt sein, auch die "Fans aus der Nordkurve" in den E-Sport zu locken, ergänzte Beckers-Schwarz. Counter-Strike dagegen "sei zurzeit keine Option für Schalke".

Mit Schalke stellt nun der erste Bundesligaverein ein komplett eigenes E-Sport-Team. Zwar engagiert sich der VfL Wolfsburg schon länger in dem Bereich, sponsert bislang aber bloß einzelne Fifa-Spieler und nimmt unter anderem an der virtuellen Bundesliga Teil. Schalke dagegen lässt nicht nur ein komplettes Team inklusive Trainer antreten, sondern nimmt auch gleich zu Beginn ein gänzlich fußballfremdes Spiel auf.

Aber dafür das derzeit erfolgreichste: Fast 70 Millionen Menschen spielen monatlich League of Legends, nicht wenige von ihnen gucken auch bei den offiziellen Matches der LCS per Stream zu. Für Schalke ist es also ein Weg, ein neues Publikum mit der eigenen Marke zu erreichen. Die neue E-Sport-Abteilung leitet Tim Reichert. Der ehemalige Profifußballer hatte in den neunziger Jahren gemeinsam mit seinen Brüdern Ralf und Benjamin den erfolgreichen Clan SK Gaming gegründet.

Einfluss ja, aber bitte nicht zu viel

Ein bisschen seltsam ist es schon, zwischen klingenden Teamnamen wie Fnatic, Origen und Vitality plötzlich Schalke 04 zu sehen. Aber es könnte ein Vorbild für andere traditionelle Sportvereine sein, ebenfalls in E-Sport zu investieren, glaubt etwa Alex Fletcher vom Esports Marketing Blog.

Fletcher sieht vor allem drei Vorteile: Erstens besitzt die Marke Schalke 04 eine gewisse Strahlkraft, die vor allem die öffentliche Debatte positiv beeinflussen könnte. Wenn ein bekannter Verein wie Schalke sich für Computerspiele einsetzt, hilft das dem Ansehen von Games insgesamt. Zweitens könnte es Sponsoren anziehen, die möglicherweise mit dem Gedanken spielen, in E-Sport zu investieren, aber noch auf einen schlagkräftigen Partner warten. Und drittens könnte Schalke sogar direkten Einfluss auf die Liga nehmen: In League of Legends bestimmt nämlich Riot Games praktisch alle Rahmenbedingungen und kann diese jederzeit ändern. Einflussreiche Teams könnten sich für mehr Transparenz und offenere Strukturen einsetzen.

Aber Fletcher äußert auch Bedenken. So könne ein Verein wie Schalke die bislang größtenteils natürlich gewachsene E-Sport-Szene in Deutschland spalten. Denn auch wenn Schalke nicht sagt, wie viel man in die neue Abteilung investiert, dürfte das Budget höher sein als bei so manch anderen Teams aus der LCS. Das könnte dazu führen, dass Schalke Spieler mit höheren Gehältern lockt und von anderen Teams abwirbt. Was im professionellen Vereinssport üblich ist, könnte die noch immer junge und vergleichsweise unbeständige E-Sport-Szene belasten. Tim Reichert bestätigte, dass es sicherlich Spielertransfers geben werde weil sie eben zur Branche gehören. Trotzdem wolle man auf Schalke darauf achten, dass die Szene nachhaltig wächst.