Wenn es um E-Sport geht, dominieren zwei Meinungen: Auf der einen Seite gibt es aktuelle Nachrichten wie die Gründung der World Esports Association (Wesa), die E-Sport weltweit besser organisieren möchte. ProSieben möchte ihn ins TV-Programm aufnehmen, Schalke 04 wird mit League of Legends in Verbindung gebracht und während der Gamesweek in Berlin betonte der Branchenverband Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU) gerade erst wieder das große Potenzial.

Auf der anderen Seite stehen die Kritiker: E-Sport sei doch gar kein Sport, die Spieler keine Athleten, die Teams und Strukturen nicht professionell. Es sei zu speziell, nicht massenfähig und anders als traditionelle Sportarten auch viel zu schnelllebig: Wer weiß schon, ob etwa Dota 2 in fünf Jahren überhaupt noch angesagt ist. Auch wenn es E-Sport heißt und weltweit Millionen Menschen bei Turnieren einschalten, ist und bleibt es Unterhaltung, ein Spiel, nichts weiter.

Diese Auffassung bestätigt ein aktuelles Gutachten des wissenschaftlichen Dienstes im Abgeordnetenhaus von Berlin (hier zum Download als PDF). Die Piratenfraktion hatte es in Auftrag gegeben mit der Fragestellung, ob das Land Berlin E-Sport als Sportart anerkennen könnte und welche Auswirkungen das unter anderem auf die steuerliche Bewertung und sportliche Förderungswürdigkeit hätte. Die Antwort ist eindeutig: "E-Sport ist nicht als Sport im rechtlichen Sinne anzusehen und deshalb rechtlich nicht als Sportart anerkennungsfähig", schreiben die Gutachter.

Der DOSB hat hohe Anforderungen an Sportverbände

Auch wenn es sich um ein Gutachten des Landes Berlin handelt, spiegelt es die bundesweite politische Haltung gegenüber E-Sport: Videospiele im Dienste der gesamtgesellschaftlichen Unterhaltung sind ausdrücklich gewünscht, das betonen Politiker inzwischen oft und gerne. Aber Games als offiziellen Sport anerkennen? So offensiv äußert sich dann doch kaum einer.

Eine Erklärung dafür liefert das Berliner Gutachten. Bund und Länder halten sich demnach an die Autonomie des organisierten Sports. Das bedeutet, dass sie bei der rechtlichen Anerkennung einzelner Sportarten in erster Linie den Richtlinien des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) in Frankfurt folgen.

Eine Sprecherin des DOSB sagt auf Anfrage, man definiere nicht, "was Sport ist oder nicht". Sondern vielmehr, ob ein Verband beim DOSB Mitglied werden kann. Sie verweist auf die Aufnahmeordnung und darin vor allem auf drei Kriterien: Erstens müsse die Ausübung einer Sportart eine "eigene, sportartbestimmende motorische Aktivität" haben. Zweitens müsse die Sportart "die Einhaltung ethischer Werte wie Fairplay und Chancengleichheit" gewährleisten. Und drittens müssen gewisse organisatorische Voraussetzungen erfüllt sein.

Wo fängt körperliche Ertüchtigung an?

Vor allem das erste Kriterium sorgt in der E-Sports-Szene schon länger für Unmut. Schließlich erfordern kompetitive Spiele wie Dota oder Counter-Strike bewiesenermaßen schnelle Reaktionen, gute Motorik und Entscheidungsfähigkeit. Sportwissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass E-Sportler während Turnieren ähnliche körperliche und nervliche Belastungen erfahren wie Bogenschützen oder Schachspieler. Und mit der Professionalisierung der Teams rückt auch die körperliche Fitness und Ernährung in den Fokus: Immer mehr Spieler trainieren nicht nur vor dem Bildschirm, sondern auch im Kraftraum; das Bild des übergewichtigen Gamers hat längst ausgedient, zumindest unter Profis.

Die Berliner Gutachter kommen trotzdem zu dem Ergebnis, bei E-Sport sei nicht die "körperliche Ertüchtigung zum Erhalt der Gesundheit" entscheidend. Und weil nur die Hände gebraucht werden, sei keine körperliche, "über das ansonsten übliche Maß hinausgehende Aktivität erfüllt". Dies deckt sich mit der bisherigen Argumentation des DOSB und wirft doch Fragen auf: So erkennt der DOSB auch Minigolf, Boccia und Darts als Sportart an, Schach genießt aus historischen Gründen eine Sonderstellung, und auch für Motorsport gibt es Ausnahmeregelungen. Stimmen aus der E-Sport-Szene fragen sich deshalb, ob der Sportbegriff überhaupt noch zeitgemäß ist oder nicht doch erneuert werden sollte.