Die ehemalige Google-Tochter Niantic hat einen Hit gelandet. Einen, von dem manche glauben, dass er das bisherige Nischengenre der Augmented-Reality-Games mit einem Schlag im Mainstream verankert und damit gesellschaftliche Konventionen herausfordert. Denn das neue "Ich sehe was, das du nicht siehst" bedeutet auch "Ich benehme mich sonderbar und du weißt nicht, warum".  Der Name des Spiels: Pokémon Go.

Ja, Pokémon. Wer glaubte, Figuren wie Pikachu seien schon in den neunziger Jahren mehr Plage als Phänomen gewesen, wird jetzt mit ganz neuen Dimensionen konfrontiert.

Um das Ausmaß der Angelegenheit zu verdeutlichen: Offiziell gibt es das Spiel bisher nur in den USA, Australien und Neuseeland. Zwei Tage nach dem Start war die App angeblich auf mehr als fünf Prozent aller Android-Geräte in den USA installiert. Die iOS-Version hat dort innerhalb von 24 Stunden Platz eins der iTunes-Charts übernommen, jedenfalls in der Kategorie Free Apps. Was die Nutzungsintensität angeht, bewegt sich Pokémon Go schon jetzt in derselben Liga wie Twitter, Snapchat, WhatsApp, Instagram und der Facebook Messenger.

Der Börsenkurs von Nintendo, das Anteile an Niantic und der Pokémon Company hält, ist infolgedessen um 20 Prozent gestiegen. Das Unternehmen ist plötzlich 7,5 Milliarden Dollar mehr wert als noch in der vergangenen Woche.

Auf Twitter sind Bilder zu finden, wie sich an öffentlichen Orten wie dem New Yorker Central Park regelrechte Scharen von Spielern versammeln, um die virtuellen Comicfiguren zu suchen und gegeneinander kämpfen zu lassen.

Screenshot aus dem Augmented-Reality-Spiel Pokémon Go © Niantic

Die Spielserver hielten dem Ansturm zunächst nicht stand, weshalb die Veröffentlichung der App in Europa und Asien verschoben werden musste. Noch im Laufe dieser Woche soll es aber soweit sein. Dann dürfte der Wahnsinn hier seine Fortsetzung finden. Dass viele nicht so lange warten wollten, zeigt der sprunghaft angestiegene Traffic auf der Seite apkmirror.com, wo man sich die Installationsdatei für Pokémon Go herunterladen kann.

Auf diesem Weg ist das Spiel auch schon in Deutschland gelandet. "Ich habe das Spiel gestern zum ersten Mal gespielt. In Aachen bin ich gleich auf Dutzende anderer Spieler gestoßen", berichtet zum Beispiel Regina aus Köln im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Die 26-Jährige war schon in ihren Kindertagen Pokémon-Fan und hatte sich lange auf die Neuerscheinung gefreut.

Auch Sarah aus Brühl erinnert das Spiel an alte Zeiten. "Ich habe früher schon als Teenie gern Pokémon gespielt", sagt die 34-Jährige."Als ich von Pokémon Go gehört habe, keimte die alte Begeisterung wieder auf". Genau der Effekt, den sich die Betreiber erhofft haben dürften. Zwar sei es etwas ungewohnt, wenn sie mit den gleichen Figuren spiele wie die zwölfjährigen Nachbarskinder, sagt Sarah, aber das mache den Spielspaß aus. "Wer sich selbst zu ernst nimmt, wird dieses Spiel sicherlich nicht spielen."

Ernst nehmen kann man Pokémon Go aber durchaus, wenn es um das Genre, die Technik und deren Auswirkungen, um Datenschutz und das Geschäftsmodell geht. 

Die Vorgänger

Regina und Sarah* sind keine Augmented-Reality-Neulinge. Beide hatten vorher schon Ingress gespielt, das Vorläuferspiel von Niantic, das zwar auf eine ähnliche Spielmechanik setzt, aber eher düster als verspielt erscheint. Inzwischen treffen sich zu sogenannten Anomaly-Veranstaltungen wie kürzlich in Wien mehrere Tausend Ingress-Spieler, über ein Nischendasein ist die Firma damit aber bisher nicht hinausgekommen.

Durch die Partnerschaft mit Nintendo und dadurch der Pokémon Company ändert sich das nun. Der japanische Spiele-Publisher vermarktet die Fantasiewesen seit 1996, als Gameboy-Spiel, als Sammelkarten, als Fernsehserie und als Stoff für Kinofilme. So fand die Franchise Millionen treuer Fans, von denen sich nun viele auf Pokémon Go stürzen.

Das Grundprinzip ist bei allen Pokémon-Ausgaben gleich: Menschen fangen wilde Pokémon-Figuren, trainieren sie und lassen sie schließlich gegeneinander antreten. Das Besondere an Pokémon Go: Die reale Welt ist das Spielfeld.

Die Technik

Kampf im AR-Modus © Niantic

Augmented Reality – die angereicherte Realität – ist sozusagen die Schwester der Virtual-Reality-Anwendungen, die derzeit für Furore sorgen. Für Pokémon Go muss sich der Spieler keine sperrige 3D-Brille wie die Oculus Rift anlegen. Stattdessen dient das Smartphonedisplay als eine Art Schlüsselloch in die Spielwelt. So sieht der Spieler sich selbst auf einer Landkarte herumspazieren, die auf Google Maps basiert. An Orten, in denen sich in der realen Welt eine Kirche, ein Denkmal oder ein besonders originelles Graffiti befindet, befinden sich in der Spielewelt sogenannte PokéStops, an denen die Spieler wertvolle Gegenstände sammeln können. Oder Arenen, in denen die Pokémon gegeneinander kämpfen.

Um ein wildes Pokémon zu fangen, muss der Spieler sein Smartphone in die Richtung der Fantasiefigur halten und es mit gezielten Ballwürfen treffen. Dazu schaltet Pokémon Go die Kamera hinzu. In das normale Umgebungsbild blendet die App dann die Pokémon ein. So plötzlich auf dem Rasen neben der Straße oder auf dem Tresen einer Starbucks-Filiale erscheint eine Comic-Ente, die es zu fangen gilt. Hat dies geklappt, kann der Spieler das Pokémon trainieren und schließlich gegen die Pokémon anderer Spieler antreten lassen.

Um reale Welt und Spielewelt zu vereinen, nutzt Pokémon Go die Sensoren, die in jedes Smartphone eingebaut sind. Die Position des Spielers stellt die App über GPS und die Mobilfunkortung fest. Die Lagesensoren sorgen dafür, dass die Figur beim Schwenken des Smartphones scheinbar an der gleichen Stelle bleibt. Das klappt zwar nicht perfekt, aber gut genug, um den Eindruck einer virtuellen Welt zu schaffen.