Die Sprungschanze auf dem Supermarktdach ist aufgebaut, dahinter wartet der Lieferwagen mit angezogener Handbremse. Auf dem Parkplatz vor dem Markt türmen sich Autos, die allmächtige Hand des SelfieChaos-Spielers hat sie dort gestapelt. Jetzt nur noch das Smartphone zücken, vor der Szene in Positur werfen und im richtigen Moment den Auslöser drücken. In einer eleganten Flugbahn segelt der Lieferwagen in den Autostapel, alles geht fotogen in Flammen auf, während der Spieler in die Kamera lächelt. Schnell lädt er das Selfie mit der gelungenen Katastrophen-Tapete ins soziale Netzwerk hoch. Und wird dafür von der künstlichen Intelligenz eines frappierend an Facebook erinnernden sozialen Netzwerks mit Likes überschüttet.

SelfieChaos ist eines von neun Spielen beim European Innovative Games Showcase (EIGS). Im Rahmen der Game Developers Conference Europe zeigten Game-Designer experimentelle Konzepte. Da wäre etwa der Rollenspiel-Fahrsimulator Wheels of Aurelia oder die erotische Touchscreen-Erfahrung La Petite Morte, in der man einen Pixelhaufen zum (musikalischen) Höhepunkt streicheln soll. Das Spiel, wenn man es denn so nennen möchte, kam im Mai in die App Stores von Google und Apple, allerdings nahm Apple es wieder heraus, als das Unternehmen nach einiger Zeit verstand, dass es hier irgendwie um Sex geht.

SelfieChaos hingegen funktioniert als bissige Satire auf den digitalen Selbstversicherungswahn ganz ausgezeichnet. Der Showcase selbst ist nur ein weiterer Beweis dafür, dass Abseitiges und Außergewöhnliches in der Kölner Games-Woche immer mehr Platz findet. Zwischen lärmenden Blockbuster-Ständen holt sich die Independentszene zunehmend jene Aufmerksamkeit, die ihr als Innovationsmotor der Branche eigentlich längst zusteht.

Das beginnt schon damit, dass beim Gamescom Award erstmals ein Preis für "das beste Indiespiel" vergeben und nicht wie bisher nur auf Genres und Plattformen geschaut wird. Massiv gewachsen ist auch die Indie Arena Booth, der Gemeinschaftsstand der Szene: Auf mittlerweile 620 Quadratmetern zeigen 60 Indieteams aus aller Welt ihre Spiele, die oft noch mitten in der Entwicklung stecken und gerade deswegen so spannend sind. 

In Zeiten, in denen der Marktanteil deutscher Spielehersteller sinkt, gelten Indies auch bei BIU und Game als Hoffnungsträger: Die beiden Branchenverbände greifen den Start-ups mit Gratisständen und Pitchings unter die Arme, wo diese sich potenziellen Investoren vorstellen. Außerdem findet in Köln einer der größten Game Jams auf deutschem Boden statt: 200 Teilnehmer aus 27 Nationen entwerfen ihre Prototypen in gerade mal 48 Stunden. Die besten Beiträge werden dem Publikum präsentiert.

Die großen Firmen kopieren meist nur die bewährten Konzepte

Bei Jonatan Van Hove laufen auf der GDC Europe viele Fäden zusammen. Der Belgier hat den Showcase organisiert, der Indieentwicklern als Austauschplattform dient und der am Montagabend für einen proppevollen Messesaal sorgte. Die großen Spielefirmen, sagt Van Hove, stehen zunehmend unter Druck: "Sie sorgen nicht für Neuerungen. Sie setzen einem immer wieder das Gleiche vor, weil sie wissen, dass man es ihnen abkauft. Es sind also vor allem die Indiegames, die neue Ideen liefern und das Medium weiterentwickeln."

Doch wie sieht diese Weiterentwicklung eigentlich aus? Für den Showcase haben Van Hove, die deutsche Gamedesignerin Lea Schönfelder (Perfect Woman) und weitere Kuratoren eine Reihe von Spielen ausgewählt, die sich in ganz bestimmten Punkten von der Masse abheben. Das Baukastenprinzip von SelfieChaos kennt man aus Minecraft, die anarchistische Attitüde aus Spielen wie GTA oder dem Goat Simulator. Für SelfieChaos haben sich die britischen Greenfly Studios von GTA-Selfies inspirieren lassen, die wiederum teils reale Vorbilder haben. Als Bühne spektakulärer Inszenierungen macht SelfieChaos richtig Spaß, der aber spätestens dann einen faden Beigeschmack bekommt, wenn man Fake-Likes von einer künstlichen Intelligenz erhält. 

Roboter erfährt Rassismus

Auch der Showcase-Beitrag A Normal Lost Phone ist ein Kommentar auf unsere Social-Media-Nutzung, der aber eher betont, wie eng die Symbiose zwischen Mensch und Technik bereits ist: Spieler finden ein fremdes Smartphone und ergründen die Geschichte, die hinter den Kurznachrichten und Schnappschüssen auf dem Gerät steckt. Die Gefühle sind allerdings auch hier zwiespältig. Mal fühlt man sich als Eindringling, mal als Detektiv und mal sehr eng mit dem Besitzer verbunden, denn dieses Smartphone ist auch ein Lebensdokument.

Offen politische Indiegames haben es in den letzten Jahren mehrfach in die Bestseller-Listen geschafft. Titel wie Papers, Please und This War of Mine haben sich allein schon auf der Download-Plattform Steam millionenfach verkauft, und zwar deshalb, weil sie ernste Themen wie Flüchtlinge und Krieg mit überzeugendem Gameplay kombinierten. Beim Showcase und bei der Indie Arena sind politische Statements in Form von Spielen allerdings Mangelware – was aber vor allem daran liegt, dass die Kuratoren weniger Wert auf den Inhalt als auf die Gesamtqualität und Spielbarkeit legen.

Durchaus politisch interpretierbar sind das Jump 'n' Run Kawaida's Journey, das ein Bild Tansanias jenseits aller Afrika-Klischees vermitteln will, und auch der deutsche Rätsel-Platformer On Rusty Trails. In dem gerät ein Roboter zwischen die Fronten verfeindeter Fantasiewesen; je nachdem, welchen Schutzanzug er gerade trägt, wird er Opfer von Rassismus.