Die wirklich wichtigen Dinge im Leben: Whiskey und Zigarren. Zumindest für die Wachmänner der Stadt Dunwall im Videospiel Dishonored vor vier Jahren. Wann immer die Spieler an einer Gruppe bewaffneter Schergen vorbeischlichen, dauerte es meist nicht lange bis einer von ihnen die Kollegen fragte: "Sollen wir uns heute Abend zu Whiskey und Zigarren treffen"? Dazu kam es natürlich nie, denn wenig später wurden die armen Tröpfe hinterrücks ins Jenseits geschickt. Ja, das Leben in Dunwall war hart, wenn man nicht gerade ein meisterhafter Assassine war.

In Dishonored 2 (PS4, Xbox One, PC) kehren die Spieler zurück nach Dunwall. 15 Jahre sind vergangen seitdem der Leibwächter Corvo Attano seine Tochter und Thronfolgerin Emily Kaldwin vor Bösewichten retten musste. Emily ist inzwischen Kaiserin und Corvo ihr Mentor. Doch es rumort in ihrem Reich, und als ein Putsch stattfindet, sind die Spieler mittendrin im Kampf um Macht und in familiären Intrigen. Nach einer spektakulären Flucht aus dem Palast von Dunwall landen sie schließlich in der Hafenstadt Karnaca. Sie müssen die Verschwörung aufklären und wieder Ordnung herstellen – ohne dabei erwischt zu werden.

Zunächst müssen die Spieler aber entscheiden, wen sie auf diesem Abenteuer eigentlich begleiten. Dishonored 2 hat nämlich zwei Protagonisten zur Auswahl: Die soeben gestürzte Jungkaiserin Emily oder den bärbeißigen Corvo aus dem ersten Teil. Beide erkunden zwar die gleichen Schauplätze, unterscheiden sich allerdings in ihren Fähigkeiten. Wer das Spiel wirklich komplett erleben möchte, muss es also zweimal spielen.

Ein Spielplatz fast ohne Grenzen

Das lohnt sich schon aus einem Grund und der heißt Karnaca. War das von Seuchen geplagte Dunwall in Dishonored schon eine schaurig-schöne Dystopie, ist Karnaca noch mal eine Weiterentwicklung. Schon bei der Ankunft im Hafen begrüßen Walfänger und Räuberbanden die Spieler, es rinnt Blut durch die Straßen und abgesperrte Häuser warnen vor dem Befall tödlicher Blutfliegen. Die Steampunk-Einflüsse des Vorgängers wurden übernommen; viktorianische Gewänder und Architektur treffen auf Science-Fiction: Windräder versorgen Schutzwälle mit Strom, mechanische Wächter patrouillieren die Straßen, und während die Oberklasse in verwinkelten Villen lebt, siecht der Rest der Bevölkerung gemeinsam mit Ratten in dunklen Gassen vor sich hin. Karnaca ist gleichermaßen schön wie dreckig, abstoßend – und ziemlich faszinierend.

Vor allem bietet die Stadt unzählige Auswahlmöglichkeiten. Zwar hat jede der insgesamt neun Missionen eine klare Zielvorgabe im Dienste der Story. Doch wie die Spieler dorthin gelangen, bleibt ihnen weitestgehend selbst überlassen, es gibt keinen Königsweg durch die jeweiligen Schauplätze. Sie können durch die Gassen huschen, an Fassaden entlangklettern oder den Weg durch Häuser nehmen, um den Blicken der Wachmänner zu entgehen. Für viele Spieler dürfte der Reiz genau darin liegen, möglichst unentdeckt durch Karnaca zu pirschen. Theoretisch ist es möglich, das Spiel zu beenden, ohne eine einzige Person töten (Wachen lassen sich auch einfach bewusstlos würgen) oder übernatürliche Fähigkeiten einsetzen zu müssen.

Bleibt die Frage, weshalb man das tun sollte. Schließlich liefert Dishonored 2 so viele Möglichkeiten, Gegner um die Ecke zu bringen, dass ein simples Vorbeischleichen fast schon Frevel ist. Je weiter die Spieler voranschreiten und je mehr Runen sie auf ihrem Weg einsammeln, desto mehr und bessere Fähigkeiten erlangen sie. Emily etwa nutzt ihren Domino-Effekt, um Gruppen von Wachmännern ins Jenseits zu befördern: Stirbt einer von ihnen, erfahren die anderen das gleiche Schicksal. Corvo kann die Zeit verlangsamen oder komplett stoppen und so Gegner erlegen oder Projektilen ausweichen. Ein Arsenal an Armbrüsten mit verschiedenen Pfeilen, Pistolen und Granaten ergänzt die Zauberkräfte der Protagonisten.

Schleichen, beobachten, überlegen

Längst gibt es auf YouTube beeindruckende Videos von Spielern, die sich auf möglich kreative Weise durch die Missionen schlagen und eine Kombo-Attacke nach der anderen durchführen. Wer will, kann sich notfalls aber auch einfach den Weg freischießen, was aber wirklich der denkbar unschönste Weg ist. Je nachdem wie vorsichtig die Spieler sind, wie viele Schergen sie tatsächlich um die Ecke bringen und wie viel Chaos sie anrichten, beeinflusst das den Ausgang des Spiels.

Aufbau der Spielwelt und die Fertigkeiten der Charaktere spielen in Dishonored 2 meist brillant zusammen. In einer Mission infiltrieren die Spieler etwa das Anwesen eines einflussreichen Erfinders, der mit dem oben genannten Putsch in Verbindung steht. In diesem Maschinenhaus ist kaum etwas, wie es zunächst scheint: Wände und Treppen verschieben sich, Türen werden unpassierbar, neue Wege öffnen sich für den Protagonisten – aber auch für die tödlichen mechanischen Wächter. Ständig müssen die Spieler ihre Umwelt beobachten und darauf reagieren.