Platz 10: "Bloodborne"

Natürlich gibt es diese Tage. Diese Tage, an denen Dmitri sich wünscht, dass man ihm einfach eine Spritze verpasst und alles einfach vorbei ist. Diese Tage, an denen Dmitri übermannt wird von den Schmerzen und der Verzweiflung. Diese Tage fühlen sich dann an wie ein Bosskampf in Bloodborne: Erst weiß man nicht, wie man Gehrman, einen der schwierigsten Endgegner des Spiels, jemals besiegen soll; zwischendrin will man schon aufgeben, doch dann macht man weiter, findet heraus, dass man die Angriffe des flinken Gehrman mit Schusswaffen ganz gut unterbrechen kann und sich dann ein kleines Zeitfenster öffnet, in dem man beherzt R1 drücken kann. Dann trifft man den Fiesling endlich mal richtig hart, macht weiter, kämpft und grübelt und grübelt und kämpft und irgendwann liegt er dann endlich im Staub, dieser Motherfucker aus Bits und Bytes mit seiner zweihändig geführten Kacksense, die ihm jetzt aber auch nicht mehr nützt.

Dieser Artikel erschien in der aktuellen Ausgabe des Magazins "WASD", das sich in Essays mit Games beschäftigt. In dieser Ausgabe geht es um den Tod in Computerspielen. © WASD

Platz 9: "Gothic 2 Gold (mit Die Nacht des Raben)"

Als Dmitri die Top 10 seiner All-Time-Favourite-Spiele zusammenstellt, wirkt er zerbrechlich, ist aschfahl im Gesicht, er spricht mit leiser und schwacher Stimme. Seine Liste berichtigt er später noch zweimal im Facebook-Chat, dann werden die Sätze kürzer und die Antwortintervalle länger. Aus dem Nichts dann eine zweite Liste mit Honorable Mentions: Fallout 2, Far Cry, Metal Gear Solid 3: Snake Eater (Subsistence), The Legend of Zelda: Majora's Mask, The World Ends With You, Papers, Please.

Platz 8: "Resident Evil 4"

Die Diagnose bekommt Dmitri 2011. Schon seit Wochen hat er Kopfschmerzen, ihm ist übel und schwindelig, er geht erst spät zu Ärzten und dann vielleicht auch zu den falschen. Irgendwann steht er im Wartezimmer eines Neurologen, zockt auf seinem DS Lite und fällt einfach um. In der Uni-Klinik finden die Mediziner heraus, was ihm fehlt: Dmitri leidet unter einem Medulloblastom, einem bösartigen Tumor im Kleinhirn, der normalerweise eher Kinder und Jugendliche heimsucht. Dmitri ist erleichtert, endlich ist klar, was diese unheimlichen Schwindelanfälle hervorruft. Er wird gleich am nächsten Morgen operiert, eine genaue Prognose können die Ärzte nicht geben, man weiß einfach zu wenig über diese Tumorart bei Erwachsenen.

Vier Jahre später dann der Rückfall, Bestrahlung, Chemo, doch der Tumor streut und dann irgendwann kommt er, der Tag, an dem sein Arzt ihm mitteilt, dass es wohl nichts mehr werden wird, der Krebs wird immer und immer wiederkommen, so wie ein Zombie, der einfach weiter auf einen zuwankt, ganz egal wie oft man ihn mit der Pumpgun duchsiebt. Der Arzt wirkt fassungslos: Die Krebszellen werden Dmitris Rückenmark zerstören und aus dem 25-jährigen Psychologiestudenten nach und nach einen Pflegefall machen. Am Ende wird Dmitri sterben, vielleicht, weil seine Leber die Medikamente nicht packt, vielleicht an multiplem Organversagen, vielleicht auch am Tumor selbst

Platz 7: "S.T.A.L.K.E.R.: Shadow of Chernobyl"

Dmitri kommt in Russland zur Welt, weit im Osten, auf der Insel Sachalin, nördlich von Japan. Der Vater verlässt die Familie, als er noch klein ist, die Mutter zieht mit ihm und seiner Großmutter nach dem Fall des Eisernen Vorhangs nach Deutschland und arbeitet als Kindergärtnerin und Putzfrau. Dmitri wächst in Verhältnissen auf, die mit "einfach" wohl recht beschönigend umschrieben sind, und vielleicht entwickelt er deswegen ein paar schrullige Marotten, wenn es um seinen eigenen Besitz geht.

Peter Granser durfte Dmitris Zimmer Ende September fotografieren.

Eines Tages findet er heraus, dass auf den WG-Küchentüchern WMF steht, dann recherchiert er und stellt fest, dass WMF eine Marke ist und zählt umgehend eins und eins zusammen: Bei seinen Küchentüchern muss es sich folgerichtig quasi um Markenküchentücher handeln! Von WMF!! Seitdem sorgt er penibel dafür, dass in der WG das WMF-Logo auf den Küchentüchern jederzeit nach außen gedreht ist, die ganze Welt soll sehen, dass er, dass Dmitri stolzer Besitzer von original WMF -Küchentüchern ist! Ähnlich verhält es sich mit seinem größten Schatz: seiner Spiele- und Blu-ray-Sammlung. Er legt eine Datenbank an, jeder Film und jedes Spiel, das sich in einem Besitz befindet, wird hier eingetragen mit folgenden Angaben: Titel, Erscheinungsjahr, Hersteller/Regisseur und vor allem einer persönlichen Bewertung auf einer Skala von 0 bis 10. Alles ab 7 ist gut. Als er vor seiner Diagnose erfährt, beginnt er anhand dieser Liste sein Testament zu schreiben, jeder seiner Freunde soll einen ganz bestimmten Film oder ein ganz bestimmtes Spiel bekommen.

Platz 6: "Red Dead Redemption"

Dmitris Humor ist trocken, staubtrocken, in etwa so trocken wie der Wüstensand im amerikanisch-mexikanischen Grenzgebiet. Und sein Humor macht nicht halt vor seiner Krankheit. "Krebswitze sind ausdrücklich erlaubt", schreibt Dmitri vor dem Treffen, Wortspiele auf Basis des Verbs "rumkrebsen" seien sogar überaus willkommen, nicht willkommen hingegen sei Mitleid, Dmitri will nicht als dahinsiechendes Krebskind in Erinnerung bleiben. Seine letzten Monate bezeichnet er als "ewige Semesterferien", er schläft bis neun, bekommt viel Besuch, schaut unzählige Filme, spielt so viele Spiele, wie er spielen kann und krebst – nunja – halt so rum. In seinem Zimmer sind Medikamente verstreut, auf einem kleinen Tisch liegt ein Ordner des Palliativdienstes. Alle drei Tage werden die Morphiumpflaster ausgewechselt, später wird das Intervall auf zwei Tage verkürzt, dazu gibt es Morphiumlutscher, die aber nicht ganz so viel bringen.