"Jetzt X drücken für Geschlechtsverkehr". Die Kamera blendet ab, Musik beginnt zu spielen, um Erotik zu suggerieren. Als die Kamera wieder aufblendet, sind zwei Körper in einem Bett zu sehen, die Augen merkwürdig leblos. Mit einer physikalisch unmöglichen Bewegung wälzt sich Körper eins auf Körper zwei. Geschlechtsverkehr erfolgreich absolviert, achievement unlocked.

So in etwa sieht Sex in vielen Videospielen aus. Von einem interaktiven Film wie Heavy Rain bis zu einem Actionspiel wie God of War, in dem Sex sich auf Minispiele erstreckt: schnell den richtigen Knopf drücken, damit die Kamera verschämt abdriftet und damit klarmacht, das ist jetzt Sex. Die lange und bewegte Geschichte der reinen Sexspiele unbeachtet, liegt der Akt oft außerhalb der grundlegenden Spielmechaniken. Er kann nur vollzogen werden, wenn die Spieler zuvor die richtigen Dialogoptionen ausgewählt haben. Nach dem aktiven Versuch der Spieler, an diesen Punkt zu gelangen, sind sie anschließend in Passivität gefangen: Vor ihnen spielt sich ein Film ab, als Belohnung für die Mühen dürfen die Spieler Sex haben.

Mass Effect: Andromeda heißt das Spiel, das derzeit die sicherlich undankbare Aufgabe hat, den Sex in Videospielen ein Stück voranzubringen. Der Entwickler BioWare ist bekannt dafür, komplexe Liebes- und Beziehungssysteme in seine Spiele einzubauen und hat im Vorfeld der Veröffentlichung wiederholt darüber gesprochen.

Beginnend mit einem ausladenden Charaktereditor können die Spieler die zu lenkende Figur ganz auf ihre Identität abstimmen. Geschlecht, Hautfarbe, Körperform – alles ist möglich. Während des Spielens können sie dann noch entscheiden, ob der Charakter schwul, lesbisch oder pansexuell sein soll.

Gemein haben die Protagonisten in BioWare-Spielen wie Mass Effect: Andromeda oder Dragon Age: Inquisition freilich nur, dass sie die Welt zu retten haben – sie sind Erlöser mit variablem Geschlecht und Sexualität.

Den Sex spielen

Dennoch bieten diese Spiele eine gewisse Freiheit in der Formung ihrer Hauptcharaktere. Durch die Auswahl verschiedener Handlungsoptionen – entscheiden die Spieler eher mit dem Herzen oder dem Hirn? Sind sie impulsiv oder überlegt? – lässt sich eine Protagonistin nach den Vorstellungen der Spieler konstruieren. Liebe und Sexualität sind ein Teil dieses Konstrukts.

In vielen Gesprächen und kleinen Nebenmissionen erlaubt Mass Effect: Andromeda, Beziehungen zu mehreren Nebencharakteren aufzubauen. Da gilt es etwa, das Hobby von jemandem kennenzulernen, indem man zusammen Skat spielt. Oder die beste Freundin muss besucht werden, um ihre Zustimmung zu bekommen. Kurzum, selbst bis es zum ersten Händchenhalten kommt, müssen die Spieler ziemlich oft auf Knöpfe gedrückt und überlegt haben, wie ihr Charakter und damit eventuell auch sie selbst agieren und reagieren würden. Dafür bietet Mass Effect: Andromeda mehr Auswahlmöglichkeiten als seine Vorgänger – schließlich handelt es sich schon um den vierten Teil der Serie. Ein komplexes Beziehungsgeflecht, das auch Polyamorie oder Pansexualität einschließt, kann in diesem Spiel also wortreich gesponnen werden.

Während aber Sexualität und Liebe in eine große Gesprächigkeit und diskursive Präzision gebettet sind, wird der Sex eher durch Sprachlosigkeit bestimmt.