Jetzt bloß keinen Mucks. Das Monster ist zwar blind wie ein Molch, hat aber ein ausgezeichnetes Gehör. Mit seinen überlangen Armen sucht es den Boden ab, tastet sich die Wände entlang, lauscht. Und kommt dem Tisch, unter dem ich hocke, immer näher. Das Gehirn arbeitet fieberhaft: Ausharren? Wegrennen? Und wenn ja, wohin? Die Sekunden verrinnen, das Scheusal naht.

Little Nightmares ist eine schöne Untertreibung. Der Titel des neuen Rätsel-Abenteuers (PS4, Xbox One, PC) verniedlicht, was Spieler im Lauf der vier bis fünf Stunden erwartet: Angstzustände, Panikattacken und das Gefühl existenzieller Schutzlosigkeit. Klaustrophobisch enge, dunkle Kammern wechseln sich ab mit Klettereinlagen und überdimensionierten, altmodisch eingerichteten Wohnzimmern, bei denen das Grauen aus jeder Kommodenritze kriecht. Die Flucht des kleinen Mädchens aus dem schwankenden Unterwasserlabyrinth mag spieltechnisch ein recht konventioneller Rätsel-Plattformer sein. Aber es weckt die kindlichen Ängste, die immer noch tief in uns schlummern.

Träume, Albträume und Halluzinationen sind ein beliebtes Spielethema. Manche Sequenzen haben es zu einiger Berühmtheit geschafft, etwa die in Max Payne, Catherine oder GTA V. Gleichzeitig sind viele Spielwelten selbst schon so surreal, dass sie genug Stoff für reale (Alb)träume bieten. Genau mit diesem Thema beschäftigt sich die kanadische Psychologin Jayne Gackenbach seit Anfang der neunziger Jahre. Damals begann ihr Sohn Teace, intensiv Nintendo-Games zu spielen. Gackenbach war fasziniert und besorgt zugleich. Sie beschloss, die Auswirkungen von Games auf das menschliche Bewusstsein zu erforschen.

Konstruierte Realitäten

Die Wissenschaftlerin interessiert vor allem, welchen Einfluss die Spielinhalte auf unsere Träume haben. "Die größte Parallele zwischen Computerspielen und Träumen ist: In beiden Fällen befindet man sich in einer alternativen Realität – ob nun biologisch oder technisch konstruiert", sagt Gackenbach im Gespräch mit The Verge. In vielen ihrer Studien geht es um sogenannte Klarträume – also Zustände, in denen sich Träumer ihres Träumens bewusst sind. Bereits 2006 fand Gackenbach heraus, dass Intensiv-Computerspieler häufiger zu Klarträumen neigen als Nicht-Gamer. Spätere Studien – die stets auf Befragungen basieren – erbrachten detailliertere Ergebnisse. So können Spieler in ihren Klarträumen teils ganz bewusst zwischen Ego- und Third-Person-Perspektive wechseln. Die Forscherin vermutet, dass Games hier einen Trainingseffekt haben.

Gackenbach untersucht nicht nur Klarträume. Besonders spannende Beobachtungen hat sie bei Albträumen gemacht. Was sie herausfand, nennt sie den "nightmare protection effect". So scheinen manche Intensivspieler ihre Albträume geradezu zu genießen. Statt vor den imaginären Monstern und Gefahren zu flüchten, nehmen sie mutig den Kampf auf – eben so, wie sie es in Spielen wie Dragon Age, Dark Souls, Call of Duty und unzähligen anderen auch tun. Warum das vor allem auf männliche Gamer zutrifft, müsse noch erforscht werden, sagt Gackenbach.

Doch ist es eigentlich vorteilhaft, wenn Gamer ihre Albträume "besiegen"? "Aus psychodynamischer Perspektive kann man sich schon fragen, ob das gut ist", sagt Gackenbach im Gespräch mit ZEIT ONLINE. "Besser wäre vielleicht, sich durch einen Albtraum durchzuarbeiten und ihn zu verstehen. Aber zur unmittelbaren Entlastung ist es gut, wenn man sich verteidigt." Gackenbach unterscheidet Albträume von dem, was sie "schlechte Träume" nennt, also beispielsweise unangenehme Prüfungssituationen. Bei letzteren seien keine Schutzeffekte feststellbar.