"Würdet ihr lieber wie Yoda oder wie Haftbefehl reden?", fragt Daniel Schmidt die Community zur Begrüßung. Es ist Freitagabend, wie jede Woche treffen sich die Mitglieder der Gamechurch online zum Spielen, und wie jede Woche beginnt Schmidt die Runde mit einer Frage als Eisbrecher. Eigentlich geht es um sieben Uhr los, aber wie auch heute dauere es immer eine Viertelstunde länger, bis alle eintrudeln, sagt Schmidt. Bevor sich die bis zu 50 Teilnehmer in League of Legends messen oder Minecraft spielen, richtet Daniel Schmidt das Wort per Teamspeak noch mal an alle: "Jesus liebt dich, genauso wie du bist!", sagt er. "Jesus liebt Gamer! Ich glaube, dass Jesus mit uns zocken würde, wenn er heute hier wäre – weil er dir begegnen und mit dir abhängen will."

Daniel Schmidt, 25, ist der Gründer des deutschen Ablegers der Gamechurch, einer christlichen Organisation, die zeigen will: Glauben und Games schließen sich nicht aus. Es gibt keinen Gottesdienst, nur das gemeinsame Spielen. Jeden Freitagabend kommt die Familie zusammen, wie Schmidt sie nennt. Sein Bachelorstudium in Erziehungswissenschaft, evangelischer Theologie und Ethik macht er nur in Teilzeit auf sechs Jahre, damit genug Zeit für die Gemeinschaft bleibt.

Eine Kirche will Schmidts Gamechurch trotz ihres Namens nicht sein, sondern ein Zusammenschluss von Gamern aus verschiedenen Konfessionen. Protestanten, Katholiken, Freikirchler kommen in der Gamechurch zusammen, rund 200 Mitglieder hat sie in Deutschland, in den USA sind es mehrere Tausend. Ihr Logo zeigt Jesus mit grauem Gewand und roter Toga, auf dem Kopf ein Headset, in den Händen einen Controller. "Wir nehmen uns nicht zu ernst, unseren Glauben schon", sagt Schmidt.

Mit Bildern wie dem von Jesus als Gamer wollen die Mitglieder der Gamechurch provozieren. Eine Reaktion darauf, dass sie sich selbst provoziert fühlen. So wie Mikee Bridges, der die Organisation 2010 in den USA gegründet hat. Bridges, ein christlicher Rockmusiker aus Kalifornien mit tätowierten Armen und Glatze, sah vor Gamingconventions immer wieder konservative Christen protestieren. Sie traten dafür ein, dass die Zehn Gebote auch in virtuellen Welten eingehalten werden müssen, hielten Plakate in die Höhe und schrien den Gamern "turn or burn" entgegen. Mit der Gamechurch wollte Bridges eine Gegenbewegung ins Leben rufen.

Missionieren auf Gamesmessen

Daniel Schmidt erfährt über einen Trailer im Internet von der Initiative. Den rotblonden Bart in seinem runden, jungen Gesicht lässt er wachsen, die Cap einer christlichen Metalcore-Band trägt er verkehrt herum, dazu ein schwarzes Shirt mit der Aufschrift "True Gamers Never Die". Schon länger hat er mit einem Freund überlegt, wie sich Religion und Gaming stärker verbinden lassen. Einen Monat später skypt er zum ersten Mal mit Bridges, dann fliegt er ins kalifornische Ventura, der Geburtsstadt der Bewegung. Er ist beeindruckt davon, dass die Christen dort keine Angst vor der fremden Gamingkultur hatten, sondern diese andere Kultur als Familie leben.

Mitglieder der Gamechurch missionieren auf einer Gamesmesse in den USA. © Daniel Schmidt

Im April 2014 gründet Schmidt schließlich die deutsche Gamechurch gemeinsam mit sieben Freunden aus seiner Heimatstadt Lemgo in Nordrhein-Westfalen. Im Erdgeschoss seines Elternhauses, in dem er noch heute wohnt, eröffnet Schmidt seine "Arena" mit PCs, Konsolen, Monitoren. Immer freitags darf jeder zum Spielen vorbeikommen. Parallel zur örtlichen Szene in Lemgo wächst die Online-Community aus ganz Deutschland. Auch in Großbritannien und Kanada bilden sich Ableger der Organisation. Die Zusammenarbeit zwischen den Ländern soll größer, die Vereinigung wegen großen Zulaufes globaler gedacht werden.

Zum Missionieren geht Schmidt auf Fachmessen wie die Gamescom in Köln. Dort baut er seinen Stand mit einem großen Bild des spielenden Jesus' auf, er setzt auf Irritation und Neugierde. Ansprechen muss der Student kaum jemanden, die Leute kommen zu ihm und fragen: "Was zur Hölle macht ihr da eigentlich?" Oder: "Was soll der Scheiß?" Viele ändern ihre Meinung auch nach dem Gespräch mit Schmidt nicht, ein paar schreiben ihm später E-Mails und Facebook-Nachrichten. "Hey Leute, voll cool, dass es das hier gibt. Schön zu wissen, dass man nicht der einzige christliche Gamer ist", tippt einer. "Endlich Leute, die nicht sagen, ich bin asozial, sondern geliebt", schreibt ein anderer.