Flanke von rechts außen, Kopfball, Tor! Manuel reißt die Hände nach oben, das Kabel des Controllers wirbelt durch die Luft. In der Bibliothek im Münchner Stadtteil Hasenbergl geht der FC Barcelona gegen den FC Bayern München mit 1:0 in Führung. Manuels Gegner versinkt frustriert in seinem grünen Sessel.

Manuel, 15 Jahre alt, kurze braune Haare, Undercut, heißt eigentlich anders. Er kommt fast jeden Tag in den Games-Bereich der Stadtteilbibliothek, um das Fußballspiel Fifa 17 zu spielen. Hier trifft er alte Freunde oder lernt neue kennen. "Es macht Spaß, gegeneinander anzutreten und neue Taktiken auszuprobieren", sagt Manuel.

Er kommt aber auch aus einem anderen Grund: Manuel hat kein Geld, um zu Hause zu spielen. Er hat keine eigene Konsole, auf seinem alten Laptop laufen viele aktuelle Spiele nicht mehr. Die 20 Euro Taschengeld im Monat reichen nicht für einen neuen, seine Familie lebt von Hartz IV. Trotzdem will Manuel spielen: "In der Schule reden alle über Games", sagt er. "Da musst du wissen, was gerade passiert."

6,50 Euro pro Monat für Spielwaren und Datenträger

Seit 2008 sind Videospiele offiziell Kulturgut. Da nahm der Deutsche Kulturrat den Bundesverband der deutschen Games-Branche (GAME) als Mitglied auf. Games spiegeln unsere Realität. Sie verhandeln soziale Themen in Utopien und Dystopien oder bilden bestimmte Milieus ab. Im Vergleich zu vielen anderen Medien können Gamer an diesen Welten aktiv teilnehmen – per Tastatur oder Controller.

Videospiele kosten aber Geld – mehr als andere Kulturgüter wie Bücher, Filme oder Theaterbesuche. Ein neues Blockbuster-Spiel wie Fifa kostet allein zwischen 50 und 70 Euro, die dazugehörige Konsole etwa 200 bis 300 Euro. PC-Spiele sind meist etwas billiger, dafür steigen die Anforderungen an die Hardware stetig. Neue Spiele lassen sich auf alten Computern oft nur mit Einschränkungen spielen. Für Gaming-PCs mit guten Grafikkarten und ausreichend Arbeitsspeicher fallen schnell mehr als 500 Euro an. Wer wenig Geld hat, für den ist die Teilhabe am Kulturgut Games schwierig. Manuel ist einer von ihnen.

Dazu kommt: Bücher, Zeitschriften und Kulturveranstaltungen werden im Hartz-IV-Regelsatz von aktuell 409 Euro explizit berücksichtigt. Videospiele nicht. Für Spielwaren, Bild- und Tonträger und Datenverarbeitungsgeräte stehen einem Hartz-IV-Empfänger rund 6,50 Euro pro Monat zur Verfügung.

Spielen im öffentlichen Raum

"Natürlich können Hartz-IV-Empfänger ihr Geld frei ausgeben", sagt der Kulturwissenschaftler Christian Huberts. Doch sage diese Rechnung etwas über den Stellenwert von Games in der Kulturlandschaft aus. Seit Jahren befasst sich Huberts mit dem Thema Armut und Videospiele, schreibt Bücher, Essays und Artikel. "Wenn wir Games offiziell zum Kulturgut erheben, dann müssen wir auch Nägel mit Köpfen machen", sagt er.

Konkret wünscht sich Huberts mehr Unterstützung von der öffentlichen Hand. Ein größeres Budget für pädagogisch wertvolle Games und mehr öffentliche Räume zum Spielen. So wie der Raum in der Bibliothek im Münchner Hasenbergl. Immer mehr öffentliche Einrichtungen widmen sich deutschlandweit dem Thema Games, um für Menschen mit geringem Einkommen kostenlose oder günstige Angebote zur Verfügung zu stellen.

So auch das Café Netzwerk in der Münchner Innenstadt, ein Jugendzentrum im Keller eines Bürogebäudes. Statt Kicker und Billardtisch stehen hier 20 Gaming-PCs und etliche Spielkonsolen. Der 14-jährige Florian, der ebenfalls anders heißt, kommt regelmäßig hierher. Er spielt dann League of Legends (LoL), ein Multiplayer-Onlinespiel, in dem zwei Teams mit verschiedenen Helden gegeneinander kämpfen. Florian spielt mit seinen Freunden, die ein paar PCs weiter sitzen – via Internet, aber auch mit Mitspielern weltweit.

30 Cent kostet die Stunde im Café Netzwerk, nach 90 Minuten müssen die Jugendlichen eine Viertelstunde Pause machen. Auch Florian hat keinen PC und keine Konsole zu Hause, seine Freunde hat er hier gefunden. "Das Spiel ist echt fordernd", sagt er. "Du musst strategisch denken und mit den anderen gut kommunizieren, damit du gewinnst." League of Legends ist ein Free-to-Play-Spiel. Das Spielen selbst ist umsonst, aber die Spieler können für echte Euros im Game schneller aufsteigen, neue Helden freischalten und für die Helden sogenannte Skins, mutmaßlich besser aussehende Rüstungen kaufen.

Die Klassengesellschaft im und außerhalb des Spiels

"Fifa" in der Bibliothek © Jonas Seufert

In anderen Free-to-Play-Spielen bekommen die Spieler mit Geld nicht nur kosmetische Änderungen, sondern auch gewisse Vorteile. Kulturwissenschaftler Huberts sieht das grundsätzlich kritisch. "Spieler werden hier mit der alten Leistungsidee gelockt. Wenn ich mich genügend anstrenge, habe ich die gleichen Chancen auf Erfolg", sagt Huberts. "Doch in Wahrheit gelten nicht dieselben Voraussetzungen." Wer kein Geld investiere, müsse stundenlang spielen, um auf dasselbe Level zu kommen wie jemand, der sich bestimmte Eigenschaften einfach kaufe. "Im Prinzip überträgt sich da die Klassengesellschaft in das Spiel." Zudem kritisiert er, dass Spieler nicht merken würden, wie viel Geld sie eigentlich in der Summe ausgeben – weil sie immer nur kleine Beträge für einzelne Elemente zahlen.

Florian leistet sich hin und wieder etwas für seine LoL-Helden. Rund 70 Euro hat er in den vergangen zwei Jahren dafür ausgegeben. Manipuliert fühlt sich Florian nicht: "Alles unter Kontrolle", versichert er, "ich mache das ganz bewusst."

Manuel und Florian sind nicht die einzigen Jugendlichen, die das Problem betrifft. In den USA sammelten Mitarbeiter einer Elektronikkette im Bundesstaat New York 300 US-Dollar und kauften einem Jugendlichen eine Nintendo Wii U. Der Jugendliche sei jeden Tag in das Geschäft gekommen, um dort zu spielen. In dem millionenfach geklickten Video der Übergabe sieht man den Jugendlichen, der offenbar zunächst glaubt, die Mitarbeiter spielen ihm einen Streich.

Wirklich für jeden was dabei?

Ist sich die Videospiele-Industrie bewusst, dass sie Menschen mit geringem Einkommen potenziell vom Gaming ausschließt? "Die Medien sind vielfältig", sagt Felix Falk. "Da ist für jeden Geldbeutel etwas dabei." Falk ist Geschäftsführer des Bundesverbands Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU), in dem zahlreiche Hersteller und Publisher von Videospielen deutschlandweit organisiert sind. Dank Free-to-Play-Spielen und Rabattaktionen könnten sich auch Menschen mit geringem Einkommen Videospiele leisten.

Ähnlich sieht das auch der Spielehersteller Electronic Arts, einer der größten Publisher, der unter anderem auch die Fifa-Reihe herausgibt. Jedes Jahr erscheint ein neues Spiel der Reihe, das je nach Plattform und Version ab 60 kostet. "Wir schließen niemanden aus", sagt ein EA-Sprecher auf Nachfrage und verweist auf günstige, zum Teil veraltete Spiele und die Free-to-Play-Angebote des Unternehmens. Der Bundesverband Game bietet seit Kurzem kostenlose Lizenzen für soziale Einrichtungen an. Spieleentwickler erlauben Jugendeinrichtungen unter dieser Lizenz, ihre Spiele zu nutzen – sofern sie ein Exemplar des Spiels gekauft haben.

Für Manuel sind diese Angebote keine Alternative. Egal, wie alt oder neu die Spiele sind, ihm fehlt zu Hause die Konsole. "Solange es diesen Raum in der Bibliothek gibt, komme ich hierher", sagt er. "Hier gibt es aktuelle Spiele und einen großen Bildschirm." Sein Fifa-Match ist mittlerweile vorbei. Der FC Barcelona hat 2:1 gewonnen. Manuel grinst.