Vorsichtig lenkt Andrew Reinhard den Laserstrahl aus seiner Pistole in einer kreisförmigen Bahn um seinen Fund. Nach und nach pulverisiert er die poröse Erde, unter der ein metallener Gegenstand begraben liegt. Angespannt drückt er die Tasten auf seinem PlayStation-Controller, etwas fester als eigentlich notwendig. Heute könnte ihm jene Entdeckung gelingen, der er seit Monaten hinterhergejagt hat.

Reinhard kennt diese Anspannung eigentlich. Der hochgewachsene Mann, der auf Bildern grinst wie ein Kind am Tag der Einschulung, ist Doktorand der Archäologie an der Universität York und hat in seiner Karriere schon an zahlreichen Ausgrabungen teilgenommen. Doch die Situation, in der er sich gerade befindet, ist für den erfahrenen Archäologen Neuland. Statt nämlich mit Kelle und Schaufel auf einem staubigen Acker irgendwo in Griechenland zu stehen, sitzt er daheim in seinem Wohnzimmer vor dem Fernseher und leitet eine Ausgrabung in dem Videospiel No Man’s Sky.

"No Man’s Sky hält ein komplettes Universum bereit, das von Spielern erkundet werden kann," sagt Reinhard. "Dieses Universum, inklusive aller Planeten, Pflanzen, Tiere, Gebäude und Artefakte, ist komplett zufallsgeneriert. Das bedeutet, der Code des Spiels hat eine digitale Welt geschaffen, die noch nie jemand, nicht einmal die Entwickler selbst, mit eigenen Augen gesehen hat." Diese Geheimnisse zu entdecken und zu dokumentieren, hat sich der Archäologe zur Aufgabe gemacht.

Abschlussarbeiten über virtuelle Fundstücke

Um auf die Erforschung neuer virtueller Welten vorbereitet zu sein, gründete er kurz vor Veröffentlichung des Spiels im August 2016 die Forschungsgruppe No Man’s Sky Archaeological Survey (NMSAS). Unter ihrem Banner versammelten sich neben Reinhard dutzende Archäologie-Studenten, die sich seitdem fast täglich mit einem Stapel von Formblättern, Tabellen und Notizblöcken in ihr Raumschiff setzen, um die Geheimnisse des Spiels nach und nach zu entschlüsseln. Einige von ihnen werden sogar ihre Abschlussarbeiten über ihre virtuellen Funde schreiben.

Die Arbeit, die Reinhard und seine Studenten verrichten, hat mittlerweile einen Namen: Archaeogaming, also die Verbindung aus Archäologie (Archaeology) und Videospiel (Gaming). Neben Universitäten in den USA und England, die diese neue Forschungsdisziplin allmählich als eigenes Studienfach etablieren, ist die niederländische Universität Leiden zur weltweit wichtigsten Archaeogaming-Hochburg geworden. Regelmäßig veranstalten hier Archäologie-Studenten gemeinsam mit ihren Professoren Let’s-Play-Abende, an denen Videospiele mit historischem Schauplatz gemeinsam gespielt werden.

Definitionen des Fachbereichs sind wandelbar

Daneben organisiert die Universität seit 2016 die Interactive-Pasts-Konferenz, die sich schnell zum wichtigsten Event der Archaeogaming-Community entwickelt hat. Ein Blick in die Programmhefte dieser Veranstaltungen zeigt: Solange die eigene Arbeit eine Brücke zwischen Archäologie und Videospielen spannen kann, ist sie im Archaeogaming-Kreis willkommen. Gleichzeitig bereitet das manchen Mitgliedern dieser Community Sorgen.

Denn "Was macht ihr Archaeogamer eigentlich konkret?" ist eine der schwierigsten und gleichzeitig meistgestellten Fragen, denen sich die neue Forschergeneration stellen muss. Ihr Fach, das offiziell erst seit 2013 unter dem heutigen Namen bekannt ist, konnte zwar schnell vor allem junge Archäologen begeistern, doch im Gegensatz zur klassischen Archäologie gibt es keinen gemeinsamen Grundsatz, Ethos oder Richtlinien. Stattdessen verhandeln Dutzende Blogs, Onlineforen und eben Konferenzen regelmäßig die Definition und Werkzeuge des eigenen Fachs neu.

Manche Archaeogamer unternehmen virtuelle Ausgrabungen, andere sind selbst Entwickler und suchen nach den interessantesten Wegen, Geschichte in ihren Welten darzustellen, wieder andere klopfen Videospiele mit historischen Settings auf ihre Quellentreue ab. Die Bemühung, archäologische Werkzeuge und Theorien streng wissenschaftlich auf eine Videospielwelt anzuwenden, ist mittlerweile auch nur noch eine Facette des Fachs, das nun auch Hobby-Archäologen und geschichtsbegeisterten Laien offensteht.

Damit fällt es nicht nur deutlich schwerer, das Fach nach außen hin zu präsentieren und vorzustellen, sondern auch eine Forschungstradition zu etablieren, aus deren Fehlern gelernt und auf deren Erkenntnissen aufgebaut werden könnte. Während das deutsche Archäologie-Traditionalisten zum Verzweifeln bringen würde, sehen einige Archaeogamer die fließenden Grenzen ihres eigenen Fachs vielmehr als Stärke denn als Schwäche.