Nintendo verkauft jetzt eine Zeitmaschine. Sie ist taubengrau, rechteckig und passt bequem in die Handfläche. Alles, was man zum Zeitreisen braucht, ist ein Bildschirm mit HDMI-Eingang und ein USB-Netzteil. Einmal angeschlossen, schickt sie einen zurück in die Neunzigerjahre, als man nach vorne gebeugt viel zu nah am Röhrenfernseher des besten Freundes saß und alles vergaß, die Hausaufgaben, den Saxophonunterricht, die Legos im Zimmer, die doofen Mädchen, weil Mario an diesem fliegenden Koopa vorbeimusste und dann auf die rotierende Plattform, den Pilz nicht verpassen – AHHH! Runtergefallen. Game over.

Und mit dem Game-over-Screen zoomt man zurück ins Hier und Jetzt, in das zappendustere eigene Büro um 22.35 Uhr, in dem nur man selbst und der Zockpartner verblieben sind, weil man dieses eine elende Geisterlevel bei Super Mario World einfach nicht packt. Aufgeben? Keine Chance. Noch 'ne Runde? Ich versteh die Frage nicht.

Nintendos Zeitmaschine heißt unnötig kompliziert Nintendo Classic Mini: Super Nintendo Entertainment System. Es ist eine niedliche Kopie der zweiten Heimkonsole von Nintendo, des in Deutschland 1992 auf den Markt gekommenen SNES. Das Konsölchen erscheint am heutigen Freitag mit insgesamt 21 fest darauf installierten Klassikern der Videospielgeschichte. Heute muss man keine Cartridges mehr auspusten und einwerfen, nur den originalgetreuen Powerschalter nach oben schnapsen lassen und sich zurückbeamen lassen in eine Welt, die nicht wirklich größer war als das, was man aus dem Fenster im Kinderzimmer sah. Und im Fernseher, wo die Action abging.

Eingebaute Schummelei

Vergangenes Jahr hatte Nintendo seine erste Heimkonsole, das Nintendo Entertainment System (NES), als Miniversion neu aufgelegt. Anstatt sich eine goldene Nase mit der Nostalgie zu verdienen, produzierte Nintendo aber viel zu wenige davon. So wurden die Geräte vor allem zu Sammlerpreisen auf eBay gehandelt (nächstes Jahr will Nintendo auch das Mini-NES noch mal verkaufen). Außerdem lag nur ein Controller bei, und dessen Kabel war mit etwa 80 Zentimetern so kurz, dass man sich wunderte, dass Nintendo nicht noch eine Nackenkrause für die Zeit nach den Spielsessions mitlieferte.

Aus beiden Fehlern hat das Unternehmen gelernt: Zwar wird es wohl die ersten Wochen schwer sein, ein Mini-SNES zu kaufen, Nintendo hat aber versprochen, diesmal länger und mehr zu liefern. Die Controllerkabel sind nach den extrakurzen NES-Kabeln fast schon großzügige 1,30 Meter lang und ein zweiter Controller liegt auch noch dabei, sodass man nichts dazubestellen muss, sondern sich direkt nach dem Auspacken von der besten Freundin in Street Fighter verhauen lassen kann.

Auch softwareseitig ist Nintendo mit der Zeit gegangen: Mit Druck auf den Reset-Knopf auf dem SNES kann ein Spiel jederzeit dort unterbrochen werden, sodass niemand mehr einen wichtigen Termin/Zug/Frühstückspause mehr verpassen muss, weil man "wirklich nur noch ganz kurz" bis zum nächsten Savepoint von Super Mario World muss. Wer nicht jedes Mal wieder durch das ganze Level hüpfen will, nur um wieder am Endboss zu scheitern, kann das aktuelle Spielgeschehen etwa 40 Sekunden zurückspulen. Streng genommen ist das natürlich geschummelt, und was Cheater verdienen, wissen Sie hoffentlich.

Damit auch auf Ihrem 85 Zoll-OLED-4K-Raumschifffernseher Nostalgie aufkommt, hat Nintendo neben einem "Pixelperfect"- und einem 4:3-Format noch einen CRT-Modus eingebaut, der das Rauschen eines Röhrenfernsehers imitieren soll. Das gelingt so mittelmäßig. Wem das nicht reicht, kann sich, statt links und rechts schwarze Balken im Bild zu haben, auch Holzvertäfelung oder einen trancigen geometrischen Hintergrund einblenden lassen. Viel besser ist da schon der Menüsound, dessen erstklassig komponierter Chiptune sich auch wunderbar als Hintergrundmusik dafür eignet, die Kollegen im Büro auszublenden.