1986. Eine Zufahrtsstraße und eine öffentliche Telefonzelle sind die einzigen Verbindungen von Schwarzenberg im Erzgebirge zur Außenwelt. Während die meisten Einwohner traditionellen Handwerksberufen nachgehen, sitzt André Weißflog im Wohnzimmer seiner Eltern und programmiert. Seinen schmalen Computer hat er an den Fernseher angeschlossen. Auf dem Bildschirm bewegt sich ruckelnd eine gelbe Spielfigur, die Gespenster jagt – Weißflog hat soeben seine ganz eigene DDR-Version von Pac-Man fertiggestellt.

Der damals 15-Jährige ist einer von vielen jungen Spieleentwicklern, deren Vermächtnis heute häufig vergessen wird. Dabei entsteht in der DDR ab Mitte der Achtzigerjahre eine lebendige Computerspielszene, die schließlich sogar das sozialistische SED-Regime als Teil seiner Kulturpolitik begreift. Die Entwicklung ist erstaunlich, wenn man die wirtschaftliche und politische Situation betrachtet.

Produktion von sechs Computern am Tag

Die Ausgangsbedingungen für Computerspiele stehen in der DDR nämlich lange schlecht, für die Staaten des Ostblocks ist es nahezu unmöglich, Zugang zu moderner, westlicher Technologie zu erhalten. Die SED-Spitze verabschiedet erst 1977 auf der sechsten Tagung des Zentralkomitees den Beschluss zur Entwicklung der Mikroelektronik. Hunderte Millionen Mark fließen von da an bis zur Wende in die Technik, um das kleine Land an die Weltspitze zu katapultieren.

1984 erscheinen die ersten Computer aus volkseigener Produktion. Der Kleincomputer KC ist nun serienreif, zusätzlich gibt es den Lerncomputer LC80 und den Z 1013 zum Selberbauen. Die Kombinate Robotron und Mikroelektronik Erfurt verschicken die Technik an neu eingerichtete Computerkabinette in allen Ecken der Republik, darunter auch Schwarzenberg.

Trotzdem gibt es bis zum Mauerfall in der DDR nur wenige Computer in Privatbesitz, denn die Rechnerproduktion verläuft schleppend. Zu Beginn fertigen die 150 Arbeiter im VEB Mikroelektronik "Wilhelm Pieck" Mühlhausen unter Volllast nur circa sechs Computer. Die Folge sind lange Wartezeiten und ein horrender Preis von 3.500 Mark pro Gerät. Technisch gesehen hinken sie den Westcomputern um Jahre hinterher.

Eine Entwicklerkarriere beginnt

Als die ersten Kleincomputer auf den Markt kommen, verprasst André Weißflog gerade sein Taschengeld an alten Pac-Man-Automaten auf dem Schwarzenberger Rummel. Von seinem Bruder hat er bereits einen LC80 geschenkt bekommen. Den mitgelieferten Code aus dem Handbuch kann er komplett auswendig: "Irgendwann machte es dann klick und ich verstand das Grundprinzip des Programmierens. Spielen konnte man auf dem Teil aber nicht."

KC 85/3 mit KC 85/4-Gehäuseschale, Zusatzmodulen und Tastatur

Als er vom neuen Computerkabinett im Schwarzenberger Schloss hört, meldet er sich sofort für einen Kurs an, um endlich Spiele programmieren zu können. "Die ausgelieferten Z-1013-Computer waren für Spiele allerdings auch ungeeignet, es gab keinen Sound und nur eine schwarz-weiße Blockgrafik. Ein besonders fieses Teil war die mitgelieferte Folientastatur", erinnert sich Weißflog. Kurzerhand löten sich die jungen Computernutzer eine eigene Tastatur aus Einzelteilen eines Fernschreibers zusammen. Mitte 1986 wird Weißflogs Traum wahr und er bekommt von seinen Eltern einen Kleincomputer KC 85/3: "Monatelang hatte ich die beiden bekniet, mir so ein Teil zu besorgen. Weil meine Eltern einen Handwerksbetrieb hatten, klappte das irgendwie."