Die Banalität des Bösen ist eine Erdbeermilch. Während der Kommandant sie schlürft, schwadroniert er über den Mangel an deutschen Gerichten in diesem amerikanische Diner. Die Spieler fordert er auf, ihren Ausweis vorzuzeigen. Auf dem Tresen steht eine als Feuerlöscher getarnte Hand-Atombombe, die er nicht bemerkt.

Willkommen in Wolfenstein 2: The New Colossus, wo der Nationalsozialismus nie verloren hat und nun der Widerstand in den USA reaktiviert werden muss. Doch halt, in der deutschen Version des Spiels ist es nicht der Nationalsozialismus, der die Welt unterjocht. Es ist das Regime. Das Regime kennt keine Hakenkreuze. Denn Videospiele sind ja keine Kunst. Oder?

"Du hast deine Leibesübungen nicht eingehalten! Du bist eine Schande für dein Land!", herrscht Frau Engel ihre Tochter Sigrun an. Und bringt damit das Körperbild des Nationalsozialismus auf den Punkt. Wer nicht tüchtig ist, ist kein werter Mensch. Frau Engel ist die Antagonistin in Wolfenstein 2. Wilhelm Strasse alias General Totenkopf segnete im Vorgänger The New Order das Zeitliche. Das nachfolgende Böse in Form von Frau Engel ist aber um keinen Deut weniger faschistisch. Und die Antwort der Spieler darauf keinen Deut weniger drastisch. In einem zerstörten Amerika helfen sie mit, den Widerstand zu organisieren.

Menschen, keine Monster

Wolfenstein 2 ist ein Antikriegsspiel. Gewalt ist hier kein Selbstzweck. Vielmehr ist sie die künstlerische Auseinandersetzung mit dem menschenverachtenden Faschismus. Die Spieler laufen durch ein von Atombomben zerstörtes New York. Sie streifen durch ein Roswell, das geprägt ist von den weißen Roben des Ku-Klux-Klan. Zwischendurch erfahren sie von der Kindheit des Protagonisten B.J. Blazkowicz. Eine Kindheit geprägt durch einen autoritären Vater, der alles Queere aus seinem Sohn prügeln möchte. Der den Sohn deshalb den Haushund erschießen lässt. Der die Mutter schlägt und auch dem Sohn Gewalt antut, als er erfährt, dass der sich mit nicht-weißen Menschen umgibt.

Die Ideologie des Nationalsozialismus wird in dieser Welt künstlerisch verdichtet und dadurch gebrochen: Die Neue Wahrheit heißt die Zeitung, die dem Stürmer nachempfunden ist. Die Spieler können sie auf ihrem Gewaltzug durch diese kaputte Welt lesen. Die Soldaten sehen aus wie Karikaturen des Menschenbilds der Nürnberger Rassegesetze. Alles ist etwas zu massiv, zu monströs, zu pointiert – und damit genau auf den Punkt.

Massiv sind auch die Waffen, mit denen die Spieler dieses Sinnbild des Faschismus blutig niederschießen können. Jeder Schuss, jeder Liter Blut ist in Wolfenstein 2 eine grausam richtige Rache. Die Spieler werden aus einer Starre befreit. Sie werden gestoßen in eine Aktivität – nimm diese virtuelle Waffe und beende diese Menschenverachtung. Doch werden die Spieler dabei nie in Ruhe gelassen. Es wird nie zu einer Gewaltorgie. Immer wieder bricht das Unbehagen ins Spiel. Wenn etwa der Protagonist von seinen starken Schmerzen spricht. Wenn die Menschen des Widerstands an der Menschheit zerbrechen. Oder wenn in all dieser Dystopie plötzlich ein Baby an eine Brust gehoben wird. In Wolfenstein 2 existieren keine Monster, sondern Menschen.

Überall Politik

Erfreulicherweise erkennt der Publisher Bethesda die politische Relevanz des Spiels, gerade jetzt. So können die Spieler etwa Nazis lauschen, die mit ihren Waffen durch die Gänge patrouillieren. "Gewalt ist niemals in Ordnung", sagt einer. "Dieser Widerstand, das sind Terroristen." Entdecken die Soldaten die Spieler, werden die vermeintlich friedliebenden Nazis freilich sofort auf sie schießen.

Es sind Diskurse, die unserer Gesellschaft schauerlich bekannt sind und hier spielbar gemacht werden. Wolfenstein 2 ist ein hochpolitisches Spiel und gleichzeitig – das ist kein Paradoxon – ein hochspaßiges. In einem Interview sagte der Narrative Designer des Spiels selbst: "Es ist eine kathartische Erfahrung. Es fühlt sich richtig gut an, zurückzuschlagen".