Nintendo ist derzeit so erfolgreich, es könnte der Welt auch Pappe verkaufen. Oh Moment, genau das tut es jetzt: Mit Labo bringt das japanische Unternehmen im Frühjahr ein neues Produkt auf den Markt, das zunächst aus Pappe zusammengebastelt werden muss und sich anschließend mit der Minikonsole Switch verbindet. Ein digitales Analogspielzeug also, das die ersten Tester ziemlich begeistert.

Ab dem 27. April will Nintendo zwei Labo-Sets herausbringen. Zum einen das Robo-Set, mit dem sich die Spieler in einen Kampfroboter verwandeln können: Sie schnallen sich einen Papprucksack auf den Rücken, nehmen die beiden Joy-Con-Controller in die Hand und können anschließend über das Spiel auf der Switch auf Monsterjagd gehen.

Für etwa 70 US-Dollar (die Europreise stehen noch nicht fest) gibt es zum anderen das Multiset, mit dem sich insgesamt fünf sogenannte Toy-Con-Modelle basteln lassen, die unterschiedlich komplex sind. Recht einfach ist das ferngesteuerte Auto, das aber eigentlich mehr an eine pummelige Wanze erinnert. Die beiden Joy-Con-Controller der Nintendo Switch werden an zwei Seiten des Pappmodells gesteckt. Über ihre Vibrationen kann das Auto dann zumindest rudimentär gelenkt werden.

Angeln und Klavierspielen

Anspruchsvoller ist das Angelspiel: Hier müssen die Spielenden zunächst eine Angelrute aus gut 20 Einzelteilen zusammenstecken, was wie alles bei Labo ohne Schere und Kleber funktioniert und zudem äußerst robust wirkt. An die Unterseite und an die Kurbel der Rute wird jeweils ein Controller gesteckt, die dann die Bewegungen der Rute erfassen können. Um Fische zu fangen, wird die Switch in einen Papprahmen gesteckt und das entsprechende Spiel gestartet. Wer die Rute nach vorne bewegt, hält sie tiefer ins Wasser. Und wer etwas an der Leine hat, muss den Fang über die Kurbel an Land ziehen.

Am meisten aber beeindruckt die ersten Tester aber das Klavier mit 13 Tasten, inklusive eines Schalters, um die Oktave zu wechseln. Die Infrarotkameras in den Controllern, die hinter die Tasten gesteckt werden, erkennen anhand reflektierender Klebestreifen, welche Tasten gedrückt werden und übertragen diese Information auf den Bildschirm der Switch. Dort lässt sich dann musizieren. Die Idee ist ebenso simpel wie clever – gerade weil sie zeigt, wie sich die analoge und die digitale Welt miteinander verbinden.

Nintendo feiert mit Switch ein Comeback

Nintendo bewirbt Labo als ein neues Spielzeug, mit dem vor allem Kinder lernen sollen, wie Dinge funktionieren. Ein "Entdecken"-Modus etwa erklärt nach dem erfolgreichen Basteln anhand eines 3-D-Modells auf dem Bildschirm, wie die Konstruktion und die Sensoren genau funktionieren. Gleichzeitig soll es möglich sein, auch neue Spielarten zu erschaffen. Auch wenn sich Nintendo während der Vorstellung am Mittwoch noch mit Details zurückhielt: In Zeiten, in denen viel darüber diskutiert wird, wie sich Kindern Technik beibringen lässt, ist das ein ehrenwerter Ansatz.

Potenzial hat Labo nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene. Nämlich dann, wenn daraus eine größere Community entsteht, die möglicherweise selbst neue Bausätze und Spiele erstellt. Wobei das angesichts der Kontrolle, die Nintendo traditionell über seine Produkte ausübt, aber nicht sicher ist. Zumindest sollen aber ausgewählte Projekte in Workshops und auch im YouTube-Kanal vorgestellt werden.

Nintendo hat jedenfalls erkannt, wie es die Stärken von Switch ausnutzen kann. Seit vergangenem März ist die portable Konsole auf dem Markt. Wurde das Konzept zunächst kritisch beäugt – im Vergleich zur Xbox oder PlayStation ist die Switch technisch deutlich schlechter ausgestattet – hat es sich zu einem der größten Erfolge von Nintendo entwickelt. Sowohl in den USA als auch in Deutschland ist es die bis dato am schnellsten verkaufte Nintendo-Konsole. Insgesamt hat sich die Switch mehr als zehn Millionen Mal verkauft. Für den Hersteller, der vor einigen Jahren noch rote Zahlen schrieb, ist die Switch ein erstaunliches Comeback. 

Gerade weil sie so anders ist als die anderen Konsolen auf dem Markt. Wenn es mit purer Grafikpower nicht geht, muss Nintendo eben auf andere Weise punkten. Sei es mit Spielen wie dem neuen Zelda oder Super Mario Odyssey – oder eben mit Ideen wie Nintendo Labo, das einmal mehr dem Ansatz Spiel-trifft-Echtwelt, Toys-to-life, folgt. Von Nintendos Wii-Konsole bis hin zu den vernetzten Amiibo-Figuren hat Nintendo dieses Prinzip immer wieder aufgegriffen.

Labo ist vermutlich nicht dafür gedacht, den Verkauf von Switch-Konsolen weiter voranzutreiben. Es ist vielmehr eine Idee, die Konsole um eine putzige Idee zu erweitern. Vor allem für Familien mit Kindern könnte das digitale Analogspielzeug interessant sein. Bonuspunkte gibt es für das gewählte Material: Selbst wenn Labo nicht mehr aktuell sein sollte, fällt wenigstens nicht noch mehr Plastikmüll an. Und im Übrigen kennt sich Nintendo sogar schon ziemlich lange mit Pappe aus: Als das Unternehmen 1889 in Kyoto gegründet wurde, stellte es zunächst bloß Kartenspiele her.