Hubert Burda hat vor Kurzem eine Art Manifest veröffentlicht. In der "Hamburger Erklärung" fordert der Verleger und Präsident des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger ein "Leistungsschutzrecht" für Verlage und mehr Geld von Google, nutze der Konzern doch Inhalte kommerziell, die er nicht selbst produziert habe. Die Thesen Burdas haben im Web für heftige Debatten gesorgt und für einiges Unverständnis. Nun argumentiert das Netz zurück.

Ein "Internet-Manifest" haben fünfzehn einflussreiche Blogger und Netzautoren wie Johnny Häusler, Robin Meyer-Lucht oder Stefan Niggemeier verfasst: "17 Behauptungen" darüber, "wie Journalismus heute funktioniert".

Einiges darin ist gut beobachtet. So der Ansatz, dass das Internet den Journalismus und die Gesellschaft besser machen kann, weil Gedrucktes nicht mehr unveränderlich und damit absolut erscheint und weil jedem Informationen zur Verfügung stehen. Ein Mehr an Informationen kann tatsächlich zu mehr Transparenz und so zu mehr Freiheit führen. Auch das Lob der Vernetzung, der Links und der Zitate ist toll, sind es doch wichtige und Innovationen treibende Instrumente der Onlinewelt. Genau wie die Feststellung, dass im Netz auf Augenhöhe miteinander kommuniziert wird, ja werden muss, da viele Informationen sofort nachprüfbar und viele Quellen mit einem Klick nachlesbar sind.

Andere Punkte in dem Manifest hingegen sind zu kurz gedacht. So steht in These zwei der Satz: "Das Web ordnet das bestehende Mediensystem neu: Es überwindet dessen bisherigen Begrenzungen und Oligopole." Das stimmt. Doch fehlt ein Nachsatz – es schafft neue. Dass Google ein Konzern mit monopolistischer Stellung und absolutem Anspruch ist, wird kaum jemand bestreiten. Insofern kann nun tatsächlich jeder veröffentlichen und Informationen verbreiten. Nutznießer dessen ist sicher auch die Gesellschaft. Aber eben auch wieder ein Konzern mit enormem Gewinn. Der einzelne Autor hat im Zweifel davon weiterhin nicht viel.

These drei zeigt dann ein echtes Problem der Erklärung, sie überschätzt die eigene Bedeutung: Für die Mehrheit der Menschen in der westlichen Welt seien die Angebote des Netzes Teil des Alltages und so selbstverständlich wie Fernsehen und Telefon. Ja, das Netz ist in der westlichen Welt wichtig, aber so wichtig? Im Moment wohl noch nicht. Die Zahl derer, die das Netz kennen und nutzen, steigt, aber ist es schon die Mehrheit? Viele Menschen, ja ganze Gesellschaftsschichten haben keinen Zugang dazu und finden sich dort auch nicht wieder. Und viele von denen, die einen Zugang haben, nutzen ihn vor allem für Mails und für die Google-Suche. Die Überschrift, "das Internet ist die Gesellschaft ist das Internet", klingt schön, ist aber wohl eine Fehlwahrnehmung.

Ebenso wie These neun: "Das Internet ist der neue Ort für den politischen Diskurs." Sie müsste wohl eher lauten, es ist ein weiterer Ort für Diskurs, aber der? Spielt der Bundestag, spielen die Land- und Kreistage, die Gemeindeverwaltungen und all die anderen Orte, an denen politische Debatten geführt und Entscheidungen gefällt werden, keine Rolle mehr?

Geradezu kontraproduktiv ist These vier: "Die Freiheit des Internet ist unantastbar." Jede Freiheit ist antastbar – sie endet dort, wo sie die eines anderen einschränkt. Nicht umsonst ist die Würde der einzige Wert, den das Grundgesetz absolut schützt. Natürlich dürfen Argumente in einer Debatte streitbar und provokant sein. Doch mit einem Satz wie diesem begibt sich das Manifest in Gefahr, in Gänze unglaubwürdig gemacht zu werden.