Netzsperren

"Jura ist nicht dazu da, antiquierte Geschäftsmodelle zu schützen"

Rechteverwerter mauern, die Politik agiert hilflos, Gerichte lassen sich austricksen. Ein modernes Urheberrecht aber braucht Dialog, sagt Rechtsprofessor Thomas Hoeren

ZEIT ONLINE: Herr Hoeren, wir befinden uns im Wahlkampf und dank Piratenpartei und "Zensursula"-Debatte scheint das Internet in diesem Jahr ein Thema zu werden. Ist es aber wirklich in der gesellschaftlichen Mitte angekommen?

Thomas Hoeren: Die Piratenpartei hat – unabhängig von der Validität ihrer Forderungen – zur erhöhten Aufmerksamkeit für Netzfragen beigetragen. Auch die Internetszene hat sich in Deutschland professionalisiert, auch wenn wir noch weit von der Diskussion in den USA entfernt sind. Dort gibt es zahlreiche Organisationen wie die Electronic Frontier Foundation EFF oder das Berkman Center an der Universität Harvard, die sich zentral in Netzfragen zu Wort melden und auch Gehör finden.

ZEIT ONLINE: Sie sind neben Ihrer Lehrtätigkeit Richter am Oberlandesgericht Düsseldorf. Ohne Sie zur Justizschelte anzustiften: Verstehen Sie die Entscheidungen Ihrer Kollegen, die in Fragen des Internetrechts häufig merkwürdige Ansichten zu haben scheinen? Wie lange wird es dauern, bis wir Rechtssicherheit haben?

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Hoeren: Justiz ist notwendigerweise experimentell, unabhängig, divergierend. Ärgerlich ist nur die grundsätzliche Ignoranz mancher Landgerichte in Internetfragen und die daraus resultierende Extremjudikatur. Es ist kein Wunder, dass clevere Anwälte die freie Wahl des Gerichtsstands bei Internetsachen ausnutzen, um etwa in Haftungsfragen extrem internetfeindliche oder netphobe Richter anzurufen. Hier bedarf es der Vorsicht, der Geduld – vieles wird in zweiter Instanz korrigiert – und der verstärkten Diskussion zwischen den Gerichten. Richter reden wenig miteinander, organisieren sich nicht und werden dann von klugen Anwälten über den Tisch gezogen. Das wird sich im Zeitalter des Internet ändern müssen.

ZEIT ONLINE: Die Politik spricht im Zusammenhang mit dem Internet ja gerne vom "rechtsfreien Raum". Wer die Probleme kennt, die manche Blogger, Nutzer von eBay oder Forenteilnehmer mit Rechtsstreitigkeiten haben, müsste eigentlich vom Gegenteil ausgehen. Sind es Unwissenheit oder Angst der politisch Handelnden, dass sie das Netz nach wie vor als wilden Westen sehen?

Hoeren: Das Internet war nie ein rechtsfreier Raum. Dieser schon vor zehn Jahren falsche Reizbegriff wird nur von einigen Medien und Politikern gepusht, die Wahlkampfthemen brauchen. Es gibt Vollstreckungsoasen, Durchsetzungslücken, aber die gehören zum Wesen des Internet, das ja geschaffen wurde, um ein nicht kontrollier- und zerstörbares Kommunikationsmedium im Kalten Krieg zu sein.

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Leser-Kommentare

    • 07.09.2009 um 13:32 Uhr
    • wet

    Das Justiz experimentell ist, hilft leider den von einem Ausreißer in dieser Experimentierkette betroffenen "Fall" recht wenig. Nach mehr als zehn Jahren seit Erfindung des Internets durch Al Gore sollte doch nicht mehr zu Lasten der aktiven Nutzer herumprobiert werden müssen...

  1. So sieht es meine Partei - in groben Umrissen. Urheberrecht ist eine Orwellsche sinentstellung, wir reden hier & heute über ein reines Verwerterrecht. Die Urheber sind genau so gekniffen wie die Kundschaft.
    Dass willfährige Altparteiler, die auch gewohnheitsmässig Geld von Waffenhändlern nehmen, das alles kriminalisieren wollen, ist klar. Wes Brot ich ess...

    • 07.09.2009 um 15:35 Uhr
    • Spez
    3. Pushen

    Ich möchte mal nicht kleinlich sein, aber bin es jetzt mal.
    Das englische Wort to push wurde schon einmal eingedeutscht. In Form des Wortes: puschen.
    Vielleicht sollte man es dabei belassen und die Entwicklungsgeschichte nicht noch einmal wiederholen.

  2. 4. Wowy

    Einer der wenigen nicht offen Pro-Verlags-Leistungsschutzrechts- und Anti-Google-Artikel zum Thema Urheberrecht.

    Es ist traurig genug, aber ich verspüre den Drang mich bei der ZEIT-Redaktion zu bedanken.

    Danke.

  3. Antiquierte Geschäftsmodelle gibt's doch überall, wo man hinguckt - die Kommerzialisierung von Waren und Dienstleistungen muss endlich aufhören - wir fordern die Legalisierung des Laden-"Diebstahls" (schon das Wort gehört abgeschafft) - "freie Liebe" mal ganz anders: jedem seine kostenlose Nutte - ...

    Mal im Ernst: Selten hatte das Wort vom Elfenbeinturm so viel Berechtigung wie bei diesem "Professor aus Münster".

  4. Aus meiner Wahrnehmung heraus mache ich die gleichen Beobachtungen. Es tut gut diese von einem Profi bestätigt zu wissen. Normalerweise würden mich solche Urheberrechtssachen nicht weiter tangieren - DRM kann man irgendwie verschmerzen -; ich habe aber den Eindruck das der größte Teil unserer Wirtschaftsleistung in der Zukunft auf geistigem Eigentum beruhen wird: Formeln, Baupläne, Modelle, Konzepte. Das macht einerseits ungeheuer wichtig dass diese (effektiv! und nicht nur pro forma) geschützt sind, andererseits muss der Wissenschaft und der Kultur aber auch ein sicherer und offener Zugang zu Wissen und Forschung gegeben sein. Da sich keine große Partei verpflichtet fühlt mit dem (m.M.n.) wichtigsten Teil unseres späteren Volkseinkommens zu beschäftigen ist mein Unmut über diese Thematik entsprechend groß.

  5. prof. hoeren zählt m.e. zu den wenigen deutschen juristen, die sich aktiv für ein zeitgemässes urheberrecht aussprechen und einsetzen und die gegenwärtig völlig verkrusteten und kommerzialisierten strukturen des längst überholten urhg kritisch beleuchten.

  6. Mal wieder ein Artikel der in die Print-Zeit sollte, aber dort nie erscheinen wird. Dadurch verfestigt man die Fronten, statt durch konstruktiven Streit nach und nach zu neuen Möglichkeiten zu finden.

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  • Von Ben Schwan
  • Datum 7.9.2009 - 11:14 Uhr
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