Creative Commons Online-David gegen Offline-Goliath

Das IOC schränkt einem Fotografen das Veröffentlichen von Sportbildern auf Flickr ein. Lange wird es sich diese Haltung nicht mehr leisten können.

Der Fotograf Richard Giles während der Olympischen Spiele in China

Der Fotograf Richard Giles während der Olympischen Spiele in China

Wenn auf einem Kongress des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), das dominiert wird von nicht mehr ganz jungen Männern, von der digitalen Revolution die Rede ist, kann das als kleine Sensation gelten. So geschehen vor einigen Tagen. Gastredner Sir Martin Sorrell, Vorstandsvorsitzender einer der weltgrößten Werbeagenturen, sagte dem IOC, es könne sich vor der "digitalen Revolution nicht verstecken". Vielmehr müsse man sie "umarmen", wenn der olympische Sport das "jüngere Publikum" nicht verlieren wolle.

Dass die "Umarmungen" der Olympia-Funktionäre ziemlich unangenehm sein können, bekam zwei Tage nach Sorrells Vortrag der australische Amateurfotograf Richard Giles zu spüren. In seiner Mailbox fand er einen Brief von Howard M. Stupp, der beim IOC als "Director of Legal Affairs" firmiert. Der Grund des Schreibens: Giles hatte Bilder auf der Foto-Plattform Flickr hochgeladen, die er im August 2008 als normaler Zuschauer während der Olympischen Spiele in Peking gemacht hatte, unter anderem bei der Leichtathletik, beim Boxen und beim Basketball. Was sein Vergehen für den IOC so schlimm machte, war die Tatsache, dass die Bilder unter einer Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht waren, also von anderen genutzt werden durften.

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Bilder der Spiele aber dürfen genau wie die Olympischen Ringe, die Embleme und Maskottchen der Veranstaltung nicht ohne "schriftliche Genehmigung" verwendet werden. Daher forderte das IOC Giles auf, die Fotos sofort zu entfernen.

Giles, unter anderem Autor des Buchs How To Use Flickr: The Digital Photography Revolution, ist nun allerdings jemand, der nicht klein beigibt. Er gilt in seinem Land als Webpionier. Bereits 1994 baute er Internetseiten für Unternehmen und als Vorstandsmitglied des Australian Web Industry Association (AWIA) weiß er, wie das Netz funktioniert. Deshalb entschloss sich Giles, via Flickr den Brief öffentlich zu machen und bei Twitter darauf hinzuweisen. So kam eine Welle in Gang, wie sie im Internet schnell entstehen kann, wenn Offline-Goliaths versuchen, gegen Online-Davids vorzugehen. Blogger griffen den Fall auf, einer schrieb sogar eine Mail an verschiedene IOC-Mitglieder.

Als Giles bei den Funktionären anschließend noch einmal nachhakte, kam eine etwas moderatere Reaktion. Vom Entfernen der Bilder war jetzt nicht mehr die Rede, vielmehr drängten die Verwalter der Olympischen Idee nun darauf, dass Giles die Lizenz ändert.

Auch diese Einstellung ist noch immer erstaunlich. Immerhin schreibt das IOC damit Fotografen vor, wie sie ihre Bilder zu verwenden haben. Aktivisten der Creatice-Commons-Bewegung wie Lawrence Lessig beklagen diese Haltung unter dem Stichwort "Erlaubniskultur". Sie sehen darin einen Beleg, dass Copyright-Beschränkungen mehr und mehr Lebensbereiche durchdringen und so lähmen.

Doch um Scherereien mit dem mächtigen Sportverband zu vermeiden, änderte Giles die Copyright-Bestimmungen. "All rights reserved", steht da nun. Der Fotograf verbucht es für sich als Teilerfolg, dass die Fotos überhaupt weiter bei Flickr zu sehen sind, und die Funktionäre dürfen sich freuen, weil sie die in ihren Augen unkontrollierte Weiterverbreitung der Fotos verhindert haben.

Giles versucht, den Streit positiv zu sehen. Es sei allemal "großartig", dass das IOC sich überhaupt mit dem Thema Creative Commons auseinandersetzen musste. Doch obwohl nun ein bisschen Frieden herrscht zwischen Giles und dem IOC: Klarheit für die Zukunft liefert die gefundene Lösung nicht. Die Möglichkeit, dass ein Rechteinhaber gezwungen werden kann, seine Werke auf eine Weise zu lizenzieren, die ihm selbst nicht behagt, steht weiter im Raum.

Das IOC wird sich, ebenso wie andere Sportverbände, damit auseinandersetzen müssen, dass Sportfans wie Giles an Wettkampfstätten eine nicht überschaubare Menge an User Generated Content produzieren. Für Stadionbesucher ist es jetzt schon kein Problem, etwa mithilfe von Twitter, in Echtzeit Ergebnisse und Impressionen zu verbreiten, ohne dass sie dafür, anders als klassische Journalisten, eine Akkreditierung bräuchten.

Die nächsten Olympischen Spiele finden in drei Jahren statt. In der Internet-Zeitrechnung eine Ewigkeit. "Es besteht die Aussicht, dass viele Videos mit Mobiltelefonen produziert und innerhalb weniger Minuten auf Sharing-Sites hochgeladen werden", prophezeite kürzlich David Schlesinger, Chefredakteur der Nachrichtenagentur Reuters vor der Press Commission des IOC. Außerdem sei es wahrscheinlich, dass Twitterer bei der Übermittlung von Ergebnissen schneller sein werden als Nachrichtenagenturen. Sollte das IOC für Bürgerjournalisten, die ihr Mobiltelefon im Stadion in diesem Sinne einzusetzen gedenken, drakonische Strafen ankündigen, wäre das ein Image-Disaster.

Vielleicht sollten Bürgerjournalisten den Spieß ohnehin umdrehen. Auf die Idee kam das anarcho-liberale Fachblog "Techdirt" anlässlich der IOC-Flickr-Causa: Giles helfe mit seinen Fotos den IOC-Leuten, Werbung für ihr Event zu machen, und zwar kostenlos. "Vielleicht sollte er ihnen das nächste Mal einfach eine Rechnung schicken."

 
Leser-Kommentare
    • ceclux
    • 25.11.2009 um 14:12 Uhr

    "Die nächsten Olympischen Spiele finden in drei Jahren statt. In der Internet-Zeitrechnung eine Ewigkeit." -> eigentlich sind es nur 79 Tage, aber auch dies ist ja für die Zeit wahrscheinlich eine Ewigkeit

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