Inzwischen gibt es Wikipedia auch als klassisches Lexikon - entsprechend hoch sind die Erwartungen der Öffentlichkeit an das Projekt und damit auch der Druck auf die Beteiligten © John MacDougall/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Klempert, hat Wikipedia ein Höflichkeitsproblem?

Arne Klempert: Es ist sicher so, dass in der Wikipedia das gleiche zu beobachten ist wie in anderen Onlinebereichen: Es wird gerne einmal vergessen, dass auf der anderen Seite auch Menschen sitzen, gerade wenn es emotionale Debatten sind.

Von Anbeginn der Wikipedia war die Frage relevant, wie man mit Neulingen umgeht, wie man neue Autoren gewinnen kann, ihnen hilft, zum Teil des Projekts zu werden. Dazu kommt, dass die Community in den vergangenen Jahren so enorm gewachsen ist, dass es erstaunlich ist, wie gut wie gut das System der Selbstregulierung noch funktioniert. Aber natürlich ist Wikipedia aus der kuscheligen Ecke von einst längst herausgewachsen und vielleicht nehmen es einige inzwischen zu ernst. Ich denke, das sind Probleme, die sich bei größeren Gruppen und komplexen Prozessen kaum vermeiden lassen – als Außenstehender läuft man schnell Gefahr, erst einmal vor eine Wand zu rennen. Davon ist auch die Wikipedia nicht frei.

Die grundsätzliche Wille zur Offenheit des Projektes ist aber in jedem Fall noch vorhanden. Und das obwohl jeden Tag unglaublich viel Mist in die Wikipedia hineingetragen wird. Das ist etwas, was das Projekt erträgt. Aber es führt bei denen, die sich um die Beseitigung kümmern müssen natürlich auch zu Frust und gelegentlich auch mal zu heftigen Überreaktionen.

ZEIT ONLINE: Ist es nicht so, dass die Zahl der Neuanlagen stagniert und die Arbeit mehr und mehr von einem harten Kern erledigt wird?

Klempert: Ja, diesen Trend kenne ich. Als ich 2003 angefangen habe, konnte man mit durchschnittlicher Allgemeinbildung problemlos innerhalb von Minuten Sachen finden, zu denen man etwas beitragen konnte. Aber durch das enorme Wachstum haben sich die Vorausssetzungrn geändert. Auch weil die Community heute höhere Maßstäbe an die Qualität anlegt. Aus ihrer Sicht hat sie mit der Zeit eine größere Verantwortung bekommen, weil das Projekt von so vielen Leuten genutzt und ihm eine hohe Glaubwürdigkeit zugeschrieben wird. Dem versucht man gerecht zu werden.

Aufgrund unterschiedlichster Erwartungen an die Wikipedia, können dabei leicht Konflikte entstehen, die nicht so einfach zu lösen sind. Auch, weil uns dafür schlicht die Vorbilder fehlen. Insofern ist die Wikipedia auch heute noch ein einziges großes Experiment.

ZEIT ONLINE: Das heißt, Wikipedia ist nichts mehr für Laien?

Klempert: Es ist ohne Zweifel schwieriger geworden, etwas beizutragen. Einfach weil schon so viel da ist und die Qualität der vorhandenen Artikel sehr groß ist. Aber es gibt auch viele, viele Artikel, die noch weit davon entfernt, gut oder sehr gut zu sein. Es gibt also schon noch eine Menge zu tun. Aber man muss länger danach suchen. Die Einstiegshürde liegt definitiv höher als früher.

Und es gibt noch einen Aspekt: Ich kann einen tollen Artikel haben, aber wenn den sich nicht genügend Leute angucken, versagt das Viele-Augen-Prinzip. Also legt man die Relevanz lieber etwas höher, um sicherzugehen, dass sich genug dafür interessieren. Nur wenn genug Leute Informationen zusammentragen, kann es funktionieren. Deswegen dient diese Relevanzdebatte auch zum Selbstschutz der Wikipedia.

ZEIT ONLINE: Doch ist Relevanz dabei nicht auch zu einem Fetisch geworden?

Klempert: Ich glaube nicht. Die Relevanzdebatte gibt es, seit es die Wikipedia gibt. Und von Anfang an war klar, dass Relevanzkriterien Probleme mit sich bringen, sie sind nur eine Krücke. Sie sind der Versuch, nicht in jedem Fall wieder die Debatte um die Relevanz eines Textes führen zu müssen. Sicher gibt es einige, die diese Kriterien formalistischer interpretieren, als sie aus meiner Sicht gemeint sind. Aber das ist nicht die vorherrschende Stimmung. Wikipedia ist kein geschlossener Raum, nicht einmal eine homogene Gruppe. Es ist ein hochkomplexer gruppendynamischer Prozess.