ZEIT ONLINE: Herr Klempert, hat Wikipedia ein Höflichkeitsproblem?

Arne Klempert: Es ist sicher so, dass in der Wikipedia das gleiche zu beobachten ist wie in anderen Onlinebereichen: Es wird gerne einmal vergessen, dass auf der anderen Seite auch Menschen sitzen, gerade wenn es emotionale Debatten sind.

Von Anbeginn der Wikipedia war die Frage relevant, wie man mit Neulingen umgeht, wie man neue Autoren gewinnen kann, ihnen hilft, zum Teil des Projekts zu werden. Dazu kommt, dass die Community in den vergangenen Jahren so enorm gewachsen ist, dass es erstaunlich ist, wie gut wie gut das System der Selbstregulierung noch funktioniert. Aber natürlich ist Wikipedia aus der kuscheligen Ecke von einst längst herausgewachsen und vielleicht nehmen es einige inzwischen zu ernst. Ich denke, das sind Probleme, die sich bei größeren Gruppen und komplexen Prozessen kaum vermeiden lassen – als Außenstehender läuft man schnell Gefahr, erst einmal vor eine Wand zu rennen. Davon ist auch die Wikipedia nicht frei.

Die grundsätzliche Wille zur Offenheit des Projektes ist aber in jedem Fall noch vorhanden. Und das obwohl jeden Tag unglaublich viel Mist in die Wikipedia hineingetragen wird. Das ist etwas, was das Projekt erträgt. Aber es führt bei denen, die sich um die Beseitigung kümmern müssen natürlich auch zu Frust und gelegentlich auch mal zu heftigen Überreaktionen.

ZEIT ONLINE: Ist es nicht so, dass die Zahl der Neuanlagen stagniert und die Arbeit mehr und mehr von einem harten Kern erledigt wird?

Klempert: Ja, diesen Trend kenne ich. Als ich 2003 angefangen habe, konnte man mit durchschnittlicher Allgemeinbildung problemlos innerhalb von Minuten Sachen finden, zu denen man etwas beitragen konnte. Aber durch das enorme Wachstum haben sich die Vorausssetzungrn geändert. Auch weil die Community heute höhere Maßstäbe an die Qualität anlegt. Aus ihrer Sicht hat sie mit der Zeit eine größere Verantwortung bekommen, weil das Projekt von so vielen Leuten genutzt und ihm eine hohe Glaubwürdigkeit zugeschrieben wird. Dem versucht man gerecht zu werden.

Aufgrund unterschiedlichster Erwartungen an die Wikipedia, können dabei leicht Konflikte entstehen, die nicht so einfach zu lösen sind. Auch, weil uns dafür schlicht die Vorbilder fehlen. Insofern ist die Wikipedia auch heute noch ein einziges großes Experiment.

ZEIT ONLINE: Das heißt, Wikipedia ist nichts mehr für Laien?

Klempert: Es ist ohne Zweifel schwieriger geworden, etwas beizutragen. Einfach weil schon so viel da ist und die Qualität der vorhandenen Artikel sehr groß ist. Aber es gibt auch viele, viele Artikel, die noch weit davon entfernt, gut oder sehr gut zu sein. Es gibt also schon noch eine Menge zu tun. Aber man muss länger danach suchen. Die Einstiegshürde liegt definitiv höher als früher.

Und es gibt noch einen Aspekt: Ich kann einen tollen Artikel haben, aber wenn den sich nicht genügend Leute angucken, versagt das Viele-Augen-Prinzip. Also legt man die Relevanz lieber etwas höher, um sicherzugehen, dass sich genug dafür interessieren. Nur wenn genug Leute Informationen zusammentragen, kann es funktionieren. Deswegen dient diese Relevanzdebatte auch zum Selbstschutz der Wikipedia.

ZEIT ONLINE: Doch ist Relevanz dabei nicht auch zu einem Fetisch geworden?

Klempert: Ich glaube nicht. Die Relevanzdebatte gibt es, seit es die Wikipedia gibt. Und von Anfang an war klar, dass Relevanzkriterien Probleme mit sich bringen, sie sind nur eine Krücke. Sie sind der Versuch, nicht in jedem Fall wieder die Debatte um die Relevanz eines Textes führen zu müssen. Sicher gibt es einige, die diese Kriterien formalistischer interpretieren, als sie aus meiner Sicht gemeint sind. Aber das ist nicht die vorherrschende Stimmung. Wikipedia ist kein geschlossener Raum, nicht einmal eine homogene Gruppe. Es ist ein hochkomplexer gruppendynamischer Prozess.

 

ZEIT ONLINE: Aber es gibt unbestreitbar eine Gruppendynamik, die in der deutschen Wikipedia in eine bestimmte Richtung läuft, oder?

Klempert: Die deutschsprachige Community hat einige Besonderheiten, zumindest wird das immer wieder von Aktiven aus anderen Wikipedia-Communities festgestellt.

ZEIT ONLINE: Welche?

Klempert: Sie hat seit Jahren ein konstantes Artikelwachstum, wogegen andere länger ein exponentielles Wachstum der Texte zeigten. Das heißt, relativ früh existierte hier der Trend, dass die Community ihre Energie lieber in die Verbesserung bestehender Artikel steckt, als in das Neuanlegen. Daher sind auch die Relevanzkriterien etwas härter als in der englischsprachigen Wikipedia. Doch auch dort gibt es hässliche Löschdiskussionen.

ZEIT ONLINE: Nehmen wir Deutsche das Projekt zu ernst?

Klempert: Was heißt zu ernst? Sicher nimmt die deutschsprachige Community das ernst, was sie da tut. Vielleicht auch ernster als Wikipedianer in anderen Sprachausgaben. Aber ich glaube, auch die deutsche Öffentlichkeit nimmt Wikipedia ernster als andere. Der Ruf, den sie hier genießt, ist besser als in vielen anderen Kulturkreisen.

Mein Eindruck aus sechs Jahren Einblick ist, dass die Community sich sehr viele Gedanken über den Ausgleich zwischen Verlässlichkeit und Offenheit macht. Mit der abschließenden Beantwortung der Relevanzfrage tut sie sich aber schwer. Sie ist schlicht überfordert damit, genau wie die gesamte Gesellschaft überfordert ist – vielleicht weil gar keine Lösung dafür existiert. Relevanz ist ein Prozess. Das belegen ja gerade die Löschdiskussionen.

ZEIT ONLINE: Im Zusammenhang mit der gerade geführten Debatte hat Wikimedia vorgeschlagen, sich im richtigen Leben zu treffen und den Fall zu diskutieren. Ist das der Beginn eines Sinneswandels in der Relevanzdiskussion?

Klempert: Nein, das ist kein Sinneswandel. Es gibt beispielsweise regelmäßig in zunehmend mehr Städten Stammtische, wo sich Autoren und interessierte treffen. Dabei geht es fast immer auch um die Löschpraxis, genau wie bei unseren nationalen und internationalen Treffen.

ZEIT ONLINE: Aber es ist das erste Mal, dass eine Löschdebatte Auge in Auge geführt wird...

Klempert: Meines Wissens ja. Die Verantwortlichen bei Wikimedia sehen sich eben in der Rolle derjenigen, die zwischen Community und Öffentlichkeit vermitteln. Die aktuelle Debatte war zumindest bis Mitte der Woche nicht sonderlich konstruktiv. Ich finde es daher absolut sinnvoll, zu versuchen, die Diskussion auf einer anderen Ebene weiterzuführen. Vielleicht schafft man es ja, ein wenig mehr Verständnis für die jeweils andere Perspektive zu gewinnen. Das kann doch nur nutzen. Ich zumindest hoffe, dass es am Ende für alle Beteiligten eine positive Wirkung hat.

Arne Klempert ist Mitgründer des Vereins Wikimedia Deutschland und Mitglied im neunköpfigen Board of Trustees der Wikimedia Foundation – dem Vorstand der Stiftung, die Wikipedia und ihre Schwesterprojekte betreibt.