Was mit einem kleinen Löschgerangel in der deutschsprachigen Wikipedia angefangen hat, wächst sich inzwischen zu einer Debatte um das Selbstverständnis des Nachschlagewerks aus – immerhin der zweitgrößte Bereich in der internationalen Wikipedia-Gemeinde.

Um das zu verstehen, muss kurz das System erklärt werden, wie neue Texte, Lemma genannt, dort wachsen. Theoretisch kann jeder einen solchen anlegen. Oft dauert es aber nur Stunden, bis er wieder verschwunden ist, da jemand einen "Löschantrag" stellt und einer der Administratoren dem stattgibt. Immerhin existieren in der deutschen Wikipedia inzwischen fast eine Millionen Artikel und sehr viele Dinge sind schon beschrieben, im Zweifel unter anderem Namen.

Längst wird in Wikipedia selbst davor gewarnt, schnell mal einen Text anzulegen. Dies könne für Neulinge "mit einer relativ steilen Lernkurve verbunden" sein, heißt es im Tutorial. Meint, der begeisterte Neuwikipedianer könnte unter Umständen schnell erfahren, mit welcher Härte ihm bedeutet wird, die Füße still zu halten. Oder auf wikipedianisch: "Auf Verstöße gegen die Konventionen wird nicht immer mit der erforderlichen Geduld reagiert, häufig kommt es zu ruppigen Reaktionen (beispielsweise in Form von Löschanträgen), was zu Enttäuschung und Verärgerung angehender Autoren führen kann."

Genau diese Enttäuschung ist es, die sich gerade Bahn gebrochen hat. Auslöser war ein Text, der sich mit einer Beschreibung des Vereins Mogis, Missbrauchsopfer gegen Internetsperren, befasste. Als dann Felix von Leitner – er ist Chaos-Computer-Club-Mitglied und im Netz vor allem unter seinem Kampfnamen "Fefe" bekannt – über diesen und weitere Löschanträge bloggte, wurde die Debatte schnell im Netz bekannt. Vor allem da es um Themen ging, die im Netz viele interessieren wie "Zensursula", den Schmähnamen von Ursula von der Leyen.

Richtig rund ging es, als dann noch jemand versuchte, einen Text über "Fefes" Blog anzulegen, der natürlich auch sofort einen Löschantrag mit der Begründung bekam, es sei irrelevant.

Denn Relevanz wird bei Wikipedia inzwischen sehr ernst genommen. Allein der Eintrag, der die Relevanzkriterien erklärt, hat 70.000 Zeichen, das sind 29 A4-Seiten. Das Problem dabei ist, dass auch ein so langer Eintrag das Problem nicht löst. Relevanz ist kein absoluter Begriff, sie ist furchtbar relativ, somit Verhandlungssache. Wann etwas "besondere Bedeutung" erlangt hat, sehen bei jedem einzelnen Thema Betroffene anders als Unbeteiligte, Profis anders als Laien.

Längst hat sich diese Relevanzdebatte verselbständigt und ist zu einem Grabenkampf gewachsen. Auf der einen Seite die Exkludisten oder auch Exklusionisten, die in erster Linie eine gute, zitierfähige Enzyklopädie schaffen wollen und dazu auf eben diese Relevanz pochen. Auf der andere die Inkludisten oder Inklusionisten, denen vor allem wichtig ist, möglichst viele Themen und Artikel zu vereinen, solange der einzelne Text den internen Qualitätsansprüchen genügt. In der englischen Wikipedia haben letztere die Oberhand, in der deutschen erstere. Insgesamt gibt es für beiden Seiten genug Argumente.