ZEIT ONLNE: Welche Konsequenz hätte es gehabt, wenn sich Verleger und Google nicht geeinigt hätten?

Jeanette Hofmann: Die US-Regierung hatte ja im Vorfeld zum Ausdruck gebracht, dass sie Bedenken gegen die privat ausgehandelte Vereinbarung zwischen Google, Autoren und Verlagen hat. Aber sie hat das Projekt als solches nie in Gänze kritisiert. Ohne eine Einigung der beteiligten Parteien wäre Google Books aber womöglich auf den ursprünglichen Streitpunkt zurückgeführt worden. Zur Erinnerung: Der Rechtskonflikt drehte sich ja um die Frage, ob Googles Suchmaschinenservice auf gedruckte Bücher ausgedehnt werden darf oder ob es sich hierbei um eine Verletzung des Urheberrechts handelt.

ZEIT ONLNE: Sind denn die nun vereinbarten Zahlungen angemessen, die Google zu leisten versprochen hat

Hofmann: Die finanzielle Seite von Google Books ist extrem kompliziert, weil die Vereinbarung viele verschiedene Formen von Zahlungen enthält. Es gibt für vergriffene Werke Zahlungen an Rechteinhaber – das sind häufig Verlage und weit weniger häufig die Autoren. Außerdem beteiligt Google die Rechteinhaber an den Erlösen, die sich aus dem Verkauf der Zugangsrechte ergeben. Für wissenschaftliche Autoren, die in akademischen Verlagen veröffentlichen, und dort in den meisten Fällen keine Honorare erhalten, sondern im Gegenteil sogar Druckkostenzuschüsse zahlen müssen, ist das ein großer Vorteil. Und ihre vergriffenen Werke werden wieder zugänglich – und das in digitaler Form und damit auf breiterer Ebene als je zuvor. Während Wissenschaftsverlage zurzeit mehr als 20 Dollar für den Download einzelner Artikel verlangen, sind die Zugangsmöglichkeiten zu Publikationen über Google Books vergleichsweise günstiger. Anders sieht es aus bei Autoren, die von ihren Werken leben. Allerdings dürfte es auch sie froh stimmen, wenn vergriffene Werke wieder zugänglich gemacht werden.

ZEIT ONLINE: Können sich deutsche Verleger und Autoren freuen, dass sie von der aktuellen Vereinbarung ausgenommen sind?

Hofmann: Ja und nein. Ja, als es demokratische Prinzipien verlangen, dass diejenigen, die von einer Entscheidung betroffen sind, zuvor gehört und am Entscheidungsprozess beteiligt werden. Das war bei Google Books offensichtlich nicht der Fall. Nein, weil Autoren zur Kenntnis genommen und gelesen werden wollen. Google Books eröffnet als erste digitale Bibliothek die Möglichkeit, vergriffene Werke in großem Stil wieder zugänglich zu machen. Es wäre schön, wenn dies in Zukunft nicht nur anglo-amerikanische Texte betrifft.

ZEIT ONLINE: Verfolgen Autoren, Leser und Verleger bei der Buchdigitalisierung eigentlich die gleichen Interessen?

Hofmann: Partiell. Alle beteiligten Akteure haben ein Interesse daran, dass die Zugangshürden niedrig sind, damit das Wissen möglichst breit zirkuliert. Ansonsten laufen die Interessen aber auseinander. Im Falle vergriffener Werke ist anzunehmen, dass Autoren wie auch Leser ein großes Interesse daran haben, dass Texte wieder zugänglich gemacht werden. Verlage spitzen hier zunächst die Bleistifte und rechnen erst einmal. Noch mal anders verhalten sich die Dinge im Hinblick auf sogenannte verwaiste Werke, die unter Urheberrechtsschutz stehen, bei denen die Rechteinhaber aber unbekannt sind. Hier ist es im Interesse der Leser, eine Regelung zu finden, die die Digitalisierung dieser Werke erlaubt. Autoren und Verlage fürchten indes, dass ihre urheberrechtlich verbrieften Rechte missachtet oder unterlaufen werden könnten.

ZEIT ONLINE: Wie könnte ein Ausgleich aussehen?

Hofmann: Aus meiner Sicht weist Google Books in die richtige Richtung. Die Kosten für das Auffinden der Rechteinhaber von Buchwaisen wären zu hoch, um eine Digitalisierung im großen Umfang zu ermöglichen. Wenn wir es also ernst damit meinen, unsere Bibliotheken zu öffnen und die Bestände der Allgemeinheit in digitaler Form zugänglich zu machen, dann muss eine pragmatische Regelung gefunden werden. Die sollte darin bestehen, dass verwaiste Werke digitalisiert werden können, wenn AutorInnen dem nicht widersprechen. Wenn die Rechteinhaber später doch noch gefunden werden, dann sollten sie kompensiert werden.

ZEIT ONLINE: Verschafft sich Google mit der groß angelegten Digitalisierung ein Monopol?

Hofmann: Die jetzige Überarbeitung der ursprünglichen Vereinbarung von Google Blooks versucht die Gefahr einer Monopolstellung Googles zu vermindern. Ich bin aber skeptisch, ob die Regelung weit genug geht. Aus meiner Sicht sollte es gesetzliche Regelungen geben, die gleiche Bedingungen für alle Organisationen schaffen, die an einer Digitalisierung von gedruckten Werken interessiert sind. Der Umstand, dass Google anderen Anbietern nun die Möglichkeit einräumt, den Zugang zu digitalen Werken zu verkaufen, ist zwar schön, aber keine saubere Lösung für unseren künftigen Umgang mit vergriffenen und verwaisten Werken.

ZEIT ONLINE: Welche Risiken könnten damit verbunden sein?

Hofmann: Das Digitalisieren von gedrucktem Wissen kostet viel Geld, vor allem dann, wenn hochwertige Kopien einschließlich hochwertiger Metadaten erzeugt werden. Es besteht die Gefahr, dass kapitalkräftige Informationsanbieter eine globale Vormachtstellung beim Zugang zum Wissen erhalten. Es wäre angemessen, wenn Einrichtungen wie Bibliotheken und Verlage, die über professionelle Fähigkeiten in der Organisation und Bereitstellung von Wissen auf nationaler und lokaler Ebene verfügen, diese Aufgaben auch künftig wahrnehmen. Bücher sind in gewissem Sinne lokale Güter, die die regionale Kultur und Sprache reflektieren. Die Digitalisierung macht es möglich, dass sich hier zentrale beziehungsweise internationale Lösungen durchsetzten. Der Konzentrationsprozess im Bereich der Verlage zeigt das anschaulich.

ZEIT ONLINE: Wie könnte man das verhindern?

Hofmann: Es bedarf einer gesetzlichen Regelung, die sicherstellt, dass alle Wissensanbieter die gleichen Rahmenbedingungen erhalten und dass die Interessen der Leser bei der Digitalisierung berücksichtigt werden.

Jeanette Hofmann ist Forscherin am Wissenschaftszentrum Berlin, ihr Forschungsschwerpunkt ist das Internet. Derzeit ist sie beurlaubt und arbeitet am ESRC Centre for Analysis of Risk and Regulation (CARR) an der London School of Economics and Political Science. Zur Zukunft der Digitalen Bibliothek erschien jüngst ein Aufsatz von Hofmann in "Aus Politik und Zeitgeschichte".