Sogar im Kühlschrank gab es eine Kamera. Die im Schlafzimmer konnte Infrarot. Und wenn Josh Harris oder seine Freundin auf die Toilette gingen, folgte ihnen ein Objektiv. We live in Public war eines der ersten menschlichen Experimente zur Totalüberwachung. Es stellte schon 1999 die Frage, die für viele im Zeitalter von Facebook und Big Brother immer drängender wird: Wohin führt uns das menschliche Bedürfnis, private Details zu veröffentlichen oder andere auszuspähen?

Harris glaubt: "Noch feiern wir es. Aber wir werden eines Tage aufwachen und feststellen, dass wir Sklaven des Internets sind."

Er weiß wovon er redet. Der aktuelle Film We live in Public erzählt Harris Geschichte, von seinen Anfängen als erfolgreicher Internetmillionär bis hin zur Pleite und Nervenzusammenbruch. Der Film begeisterte Publikum und Jury des Sundance Film Festivals so sehr, dass sie ihm den ersten Preis verliehen.

Josh Harris wurde im Dotcom-Hype reich, 80 Millionen Dollar soll er besessen haben. "Ich hätte damals alles damit machen können", sagt er heute im YouTube-Interview. Doch statt ein Firmenimperium aufzubauen, steckte er es in groß angelegte Medienkunst-Experimente.

Zur Jahrtausendwende pferchte er einen bunt zusammengewürfelten Haufen von selbst erklärten B-Promis und Künstlern in einen unterirdischen Bunker am Broadway, stattete das Gebäude mit zahlreichen Kameras aus und sendete von da aus eine Art wochenlange Milleniumparty ins Netz. Zwei Millionen Dollar ließ er sich den Spaß kosten. Es gab in dem Bunker einen Schießstand, ein Theater, einen Tempel und öffentliche Duschen. Und jede Menge Sex.

Da ihm das alles noch nicht weit genug ging, rüstete er als nächstes sein eigenes New Yorker Loft mit Kameras aus und beschloss, dort mit seiner Freundin vor den Augen der Internetöffentlichkeit zu leben, 100 Tage lang.

Nichts blieb den Augen der Kameras verborgen, kein Höhepunkt, aber auch kein Tiefschlag: Harris verlor in dieser Zeit nicht nur seine Freundin, die vorschnell aus dem selbst geschaffenen Panoptikum auszog, sondern auch fast sein gesamtes Vermögen. Und am Ende um ein Haar sogar den Verstand: Während er vollverkabelt vor sich hinlebte, musste er mitansehen – und Tausende Zuschauer mit ihm – wie ihn eine Hiobsbotschaft nach der nächsten erreichte.

Nach seinem Zusammenbruch wanderte Harris schließlich aus, nach Äthiopien. Wie er in einem BBC Interview sagte, "ein Ort, der noch vergleichsweise wenig von der Technik heimgesucht worden ist".

Schon damals vertrat er die These, dass Orwell irrt mit seiner Prognose, dass es die Regierungen sein werden, die Menschen überwachen. In Wirklichkeit sei es viel schlimmer: Der Mensch selbst verlange nach Selbstüberwachung. Damit meinte Harris allerdings weniger Doku-Soaps wie Big Brother oder Inselcamp. Die Shows seien ja inszeniert, zeigen nicht das wahre Leben.